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3. Schriftliche Zeugnisse 745
ten‘, ‚Chefchirurg des städtischen Krankenhauses‘ in beeindruckenden Lettern
‚Syphilis‘. Beinahe alle Ärzte behandeln Syphilis – vom Stomatologen bis zum
Augenarzt. Syphilis ging schon lange aus der Reihe moralischer Unglücksfälle
in die Kategorie der finanziellen Fehlschläge über. Die Behandlung ist nicht
teuer. Daher gibt es viele Erkrankte, und in der Stadt spürt man den süßlichen
Geruch der Krankheit.“205 Nach der Schilderung dieser ersten Eindrücke von
Europa wendet sich der Autor dem weiteren Vormarsch nach Österreich zu.
3.1.2 „Der Deutsche war der Deutsche“
Als die Rote Armee Ende März 1945 österreichisches Territorium betrat, ver-
langte die Militärführung, einen Unterschied zwischen Deutschen und Öster-
reichern zu machen. Die plötzliche Kehrtwendung in der sowjetischen Propa-
ganda zeigte jedoch vielfach nicht die gewünschte Wirkung.206 Sluckij spricht
diese Problematik folgendermaßen an: „Als wir uns im Frühling 1945 nach
Österreich vorkämpften, als die ersten Dörfer kapitulierten […], verstand un-
ser Soldat endgültig, dass der Krieg in die Phase der Vergeltung eingetreten
war. Die Armee witterte den Deutschen. Wir kannten die deutsche Sprache
zu schlecht, um auseinanderzuhalten, wo Preußisch und wo Steirisch gespro-
chen wurde. Wir kannten uns zu schlecht in der Weltgeschichte aus, um die
Unabhängigkeit Österreichs im großdeutschen System abzuschätzen.“207
Damit erklärt der Autor unter anderem die Rache, die auch an der öster-
reichischen Bevölkerung geübt wurde: „Die Soldaten hörten aufmerksam die
Ermahnungen zum Thema über die Unterscheidung zwischen Deutschland
und Österreich an und glaubten kein Wort. Der Krieg nahm klare, persönli-
che Formen an. Der Deutsche war der Deutsche. Ihm musste man es ‚geben‘.
Und sie begannen, es dem Deutschen zu ‚geben‘.“208
Im Vorfeld erwähnt Sluckij mehrfach den Hass, der gezielt unter den Rot-
armisten geschürt worden war: „Aber die Politik des Vaterländischen Krie-
ges lehrte durch die Arbeit seiner Tausenden Politarbeiter, den Deutschen in
all seinen Varianten zu hassen.“209 Dabei betont er die herausragende Rolle
Il’ja Ėrenburgs: „Wie Adam und wie Columbus betrat Ėrenburg als Erster das
Land des Hasses und gab seinen Einwohnern einen Namen – Fritz.“210
205 Ebd., S. 36f.
206 Siehe dazu auch das Kapitel A.II.1.3.1 „Unterschied zwischen Österreichern und deutschen Be-
satzern“ in diesem Band.
207 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 99.
208 Ebd.
209 Ebd.
210 Ebd., S. 19.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918