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III. Formen der
Erinnerung748
Nach der Befragung stellte er die Soldaten zur Rede. Er drohte nicht mit
dem Gesetz, sondern fragte sie, rein „menschlich“, ob ihnen die Vergewalti-
gungen nicht „peinlich“ seien. Angeblich brachte sein Einsatz das gewünsch-
te Resultat und es fanden keine „Beleidigungen“ mehr statt. Zudem berich-
tete er der Militärführung „von den Frauen in Sichauer [Söchau]“, wodurch
Moskau aktiv wurde, er selbst aber auch in Schwierigkeiten geriet: „Die Ge-
neräle saßen aufmerksam und ernst da, hörten jedem Wort zu. Es gab eine
Zeit, als mein Signal über Vergewaltigungsversuche als Verleumdung der
Roten Armee ausgelegt wurde. Es ging um den politischen Verlust in Öster-
reich. […] Nach diesem Bericht wurden ernste Maßnahmen ergriffen.“223
3.2 Grigorij Savenoks Memoiren „Wiener Treffen“
Ein gänzlich anderes Bild vom Einsatz der Sowjetischen Armee in Öster-
reich zeichnet die Autobiografie von Grigorij Michajlovič Savenok „Venskie
vstreči“ („Wiener Treffen“), die sich nicht dem militärischen Vormarsch, son-
dern den frühen Besatzungsjahren in Österreich widmet. Der 1901 geborene
Autor arbeitete selbst einige Jahre als Stellvertreter des Kommandeurs für
politische Angelegenheiten („Zampolit“) in der sowjetischen Militärkom-
mandantur in Wien, wodurch er sich allein schon aus beruflichen Gründen
mit den Verhältnissen in Wien bestens vertraut machte. 1948 kehrte er nach
Moskau zurück, seit 1952/1953 war er Oberst der Reserve.
1956 begann Savenok, ausgehend von eigenen Erinnerungen und Tage-
buchaufzeichnungen sowie Gesprächen mit Kollegen aus der ehemaligen
Stadtkommandantur, das Buch „Venskie vstreči“ zu verfassen. Darin schil-
dert er – mit deutlichem sowjetischem, poststalinistischem Unterton – die
Arbeit der Stadtkommandantur während der frühen Besatzungszeit in
Österreich. Er spannt einen Bogen vom Kriegsende über die Wiedererrich-
tung Wiens und die Tätigkeit der sowjetischen Besatzungsmacht bis hin zu
Staatsoper oder Fußball. Einleitend verweist Savenok darauf, dass die Idee
zu diesem Buch bereits 1948 geboren worden sei: Als sich einige ehemalige
führende Angehörige der Militärkommandantur – darunter der Stadtkom-
mandant Nikita Lebedenko, sein Vorgänger Aleksej Blagodatov, dessen
Stellvertreter Nikolaj Travnikov und Savenok selbst – eines Tages in Moskau
trafen, betonten sie, man solle „die Erinnerungen über die Arbeit der Wiener
Stadtkommandantur“ niederschreiben. „Alle unterstützten vehement die-
sen Gedanken; aber ein Freiwilliger, der dieses schwierige Unterfangen auf
223 Ebd., S. 103.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918