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3. Schriftliche Zeugnisse 751
Als Kontrast zur russischen Natur hebt Savenok die engen Gassen, den Ste-
phansdom und andere Sehenswürdigkeiten hervor. Wien wäre zwar schön,
„aber trotzdem fremd, unbekannt, nicht unseres“.233 Die Fremdheit kommt
noch mehrfach bei der Beschreibung seiner ersten Fahrt durch das Zentrum
zum Ausdruck: „Erneut fremde Häuser, fremde Denkmäler, fremde Straßen-
namen: Kärntnerstraße, Opernstraße, Elisabethstraße …“234 Erst der Anblick
der sowjetischen Stadtkommandantur am Ring stimmt ihn positiv: „Und plötz-
lich schlägt das Herz freudig höher: Auf der Fassade des massiven Gebäudes
der Kommandantur gibt es ein großes Leninporträt, unseren fünfzackigen
Stern aus roter Seide, unsere Staatsfahne und beim Eingang unsere eigenen
Maschinenpistolenschützen. Wie ein Teil der Heimaterde in dieser unbekann-
ten, fremden Stadt.“235 Auf das Leninporträt und seine Rolle als „ein teures
Stück Heimat in der Fremde“ kommt Savenok noch mehrfach zu sprechen.236
Auch die Menschen empfindet er zunächst als fremd. Diesen Eindruck
vermittelt er über die Schilderung seines Vorgängers, Ivan Aleksandrovič Pe-
rervin, der von den Spezifika seiner Arbeit erzählt: Viele Wiener seien in die
Kommandantur gekommen, um Hilfe anzubieten, um Hilfe zu erbitten oder
um Rat zu fragen. „Das Wichtigste ist, dass du nicht sofort verstehst, wer ein
Freund und wer ein Feind ist“, betont Perervin. „Das Wesentlichste ist die
unverständliche Psychologie der Menschen aus einer anderen, uns fremden
Welt.“237
Offensichtlich wollte der Autor gegenüber den sowjetischen Lesern zu-
nächst seine patriotische, prosowjetische Haltung verdeutlichen. Es sollte
wohl nicht der Eindruck entstehen, er wäre bereitwillig in dieses westliche,
kapitalistische Land gefahren. Euphorische Erinnerungen an Wien, wie sie
in vielen der Interviews zu spüren sind, haben hier – zumindest eingangs
– keinen Platz. Čepiks Aufgabe besteht daher zunächst darin, beim Icherzäh-
ler Sympathien für Wien zu wecken. Somit kann Savenok seinem Publikum
plausibel erklären, weswegen er trotz anfänglicher Abneigung gewisse Seiten
an Österreich schließlich schätzen lernte.
3.2.2 Österreichische Feindbilder
Die Frage, wer ein Feind bzw. ein Freund der Sowjets ist, zieht sich durch das
gesamte Buch. Anhand einzelner Charaktere porträtiert Savenok die unter-
233 Ebd.
234 Ebd. Die Straßennamen sind im Original auf Deutsch in kyrillischer Transliteration geschrieben.
235 Ebd.
236 Ebd., S. 62–66.
237 Ebd., S. 28.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918