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3. Schriftliche Zeugnisse 753
daten, scheitert jedoch.243 Die beabsichtigte Wirkung dieser Passage ist ein-
deutig: Sie soll dem sowjetischen Leser die Dreistigkeit mancher Kapitalisten
vor Augen führen, die nicht einmal davor zurückschrecken, sich am Geden-
ken an gefallene Rotarmisten zu bereichern.
3.2.3 Spione des Vatikans und Kirchenfürsten
Savenoks besonderer Hass gilt aber den Priestern. Das wird schon zu Beginn
deutlich, wenn der Autor österreichische Geistliche als Heuchler brandmarkt. Ei-
ner Österreicherin legt er die Worte in den Mund, Priester hätten Lügengeschich-
ten über die Russen verbreitet, um die Bevölkerung einzuschüchtern.244 Wenig
später betont er die Unterstützung von Nationalsozialisten durch Priester: In ei-
ner Kirche in Simmering entdeckte eine sowjetische Patrouille „eine Gruppe von
Hitleristen. Viele Waffen wurden abgenommen. Ich meine, dass daran der Pries-
ter schuld ist“, rekonstruiert er die Schilderung des Leiters der Wachabteilung.245
Außerdem erzählt Perervin von einem polnischen Priester, der sich als Spion des
Vatikans herausstellte und nach seiner Heimkehr Stimmung gegen die Sowjet-
union machte. Er warnt den Autor vor „diesen verfluchten Popen“.246
Den Höhepunkt der antiklerikalen Polemik bildet das umfangreiche Un-
terkapitel „Seine hochwürdigste Eminenz“, worin Savenok Kardinal Theodor
Innitzer charakterisiert, indem er sich an Perervins Ausführungen erinnert:
„Er trägt eine schwarze Soutane und ein dunkelrotes Birett. Seine gesamte
Erscheinung signalisiert das Bewusstsein unanfechtbarer Macht, der der
Mensch ausgeliefert ist: Sie ist ihm durch den heiligsten Vater, den ‚Stellver-
treter Gottes‘ auf Erden, gegeben.“247
Bei einer Unterredung mit Stadtkommandant Blagodatov wird Innitzer
von einem Dolmetscher mit polnischem Akzent begleitet. Diese Figur dient
offensichtlich dazu, die Aversion der Leserschaft gegen die kirchlichen Wür-
denträger zu schüren: „Hinter dem Kardinal geht ehrerbietig ein kleiner
Mann. Neben dem Kardinal sieht er wie ein Zwerg aus. Und, bitte, nicht nur,
weil er viel kleiner ist. Eher ist daran sein unansehnliches Äußeres schuld.
Ein blasses, dünnes Gesicht. Über den tief liegenden Augen weiße Augen-
brauen. Wenige farblose Haare umrahmen eine hohe Glatze. Er gehört jener
Kategorie von Menschen an, deren Alter man nicht schätzen kann. […] Aber
in seinen farblosen, wässrigen Augen gibt es nicht nur Demut und Unterwür-
243 Savenok, Venskie vstreči, S. 41–43.
244 Ebd., S. 24.
245 Ebd., S. 30.
246 Ebd., S. 32f.
247 Ebd., S. 200. Vgl. dazu auch Reitinger, Österreich in den Augen der Sowjetliteratur, S. 113.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918