Seite - 755 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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3. Schriftliche Zeugnisse 755
Feindbildern ein besonderes Sensorium hatte. Savenoks Polemik richtet sich
gegen alle drei Westalliierten, wobei seine Einstellung etwa in Perervins Be-
richt zum Ausdruck kommt: „Gemeinsam mit den Alliierten kamen Dollars,
Sterlinge, Franken hierher und riefen sofort Spekulation, Schwarzmarkt,
Schwindelgeschäfte, Banditentum, Prostitution hervor.“250 Im viergeteilten
Wien würden die „Soldaten der Alliierten ziellos durch die Wiener Straßen
ziehen, trinken, manchmal randalieren“.251 Lebedenko legt er die Worte in
den Mund, die „Alliierten unterstützen die Reste des Faschismus, bremsen
die Geburt eines demokratischen Österreichs“.252 Und im Mai 1946, als es „er-
neut nach Krieg roch“, schossen „nazistische Organisationen und militärische
Vereinigungen“ in den amerikanischen und britischen Zonen Österreichs
und Deutschlands „wie Pilze aus dem Boden“.253
Besonders negativ werden aber die US-Amerikaner porträtiert. Ein Bei-
spiel dafür ist die Schilderung einer jungen Österreicherin namens Berta, die
sich nach ihrer Verlobung mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten
gänzlich zu ihrem Nachteil verändert. Ihr neues Erscheinungsbild wird fol-
gendermaßen beschrieben: „Eine moderne Frisur. Ein enges Kleid mit tiefem
Ausschnitt. In den Ohren billige, aber sehr lange und aufwendige Ohrringe.
Eine ebensolche Brosche auch auf der Brust. Auf dem bis zur Schulter nack-
ten Arm eine winzige goldene Uhr. Die großen, beinahe hervorstehenden
blauen Augen scharf mit einem Kajal umrahmt und darüber künstlich gebo-
gene Augenbrauen gezogen. Aber diese ganze reichliche Kosmetik, diese auf-
dringliche, kleinbürgerliche, absichtlich grelle Kleidung erscheint künstlich,
absurd, fremd, mit einem Wort wie eine dumme Verkleidung, die sich dieses
einfache, vor Gesundheit strotzende Bauernmädchen umhing.“254
Nicht nur ihre Kleidung, auch ihr Benehmen wird als unpassend geschil-
dert. Insgesamt entsteht das Bild eines naiven, im Grunde braven Mädchens,
das durch schlechten Umgang und die Verlockungen des Kapitalismus ver-
dorben wurde. Die Passage gipfelt schließlich in der Frage Bertas, ob sow-
jetische Soldaten eine Österreicherin heiraten dürfen. Auf die Antwort von
Makar Žuravka hin, wozu ein Soldat im Dienst überhaupt eine Frau brau-
che, unterbricht Berta „mit einem bitteren Lachen“ das Gespräch: „Und der
amerikanische Soldat kann [heiraten].“255 Ihr amerikanischer Verlobter John
werde sie heiraten, sobald sein Vater die Zustimmung gegeben habe, be-
250 Ebd., S. 29.
251 Ebd., S. 166.
252 Ebd., S. 86.
253 Ebd., S. 285.
254 Ebd., S. 272. Vgl. Reitinger, Österreich in den Augen der Sowjetliteratur, S. 111.
255 Savenok, Venskie vstreči, S. 273.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918