Seite - 756 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Formen der
Erinnerung756
tont Berta: „John holt mich nach Amerika. Wir werden in Pittsburgh woh-
nen, einer Stadt, die nicht kleiner als Wien ist. Wir werden den neuesten
Ford haben. Wir werden einen Fernseher haben, einen Kühlschrank, einen
Staubsauger.“256
Bertas Bekanntschaft mit dem US-Soldaten endet schließlich tragisch: Sie
wird mit einer venerischen Krankheit infiziert und nimmt sich das Leben. Sa-
venok vermittelt diese Information über ihren Vater, der den Stadtkomman-
danten Lebedenko aufsucht und sein Leid klagt: „‚Dieser Schuft‘, sagt Špunt
aufgeregt, ‚versprach ihr, sie zu heiraten und in sein Amerika mitzunehmen,
aber stattdessen steckte er sie mit einer grausigen Krankheit an und ließ sie
fallen … Dann kam er zu mir und wollte, dass ich ihm Gänse verkaufe. Ich
vertrieb ihn vom Hof. Er zog den Revolver, erschoss zwei Gänse, warf diese
Schillinge hin‘, – Špunt zog aus der Tasche ein paar Papiere – ‚und nahm die
Gänse … Was soll ich tun, Genosse General?‘“257
Andere Passagen transportieren gleichfalls das Bild amerikanischer Revol-
verhelden, die sich unehrenhaft gegenüber österreichischen Frauen verhalten
und generell ein schlechtes Benehmen an den Tag legen. Dieses Feindbild il-
lustriert Savenok unter anderem anhand eines konkreten Vorfalls, den ihm
sein Vorgänger als „Zampolit“, Perervin, schildert: „Zwei Matrosen unserer
Donauflottille spazieren am Ufer des Donaukanals entlang. In den Händen
hatten sie ihre Entlassungsscheine, und sie waren guter Dinge. Plötzlich sehen
sie: Zwei betrunkene amerikanische Soldaten bedrängen eine junge Wienerin.
Unsere Burschen griffen natürlich ein und versuchten, die beiden Rowdys zur
Vernunft zu bringen. Doch zwecklos – die beiden Betrunkenen zetteln eine
Schlägerei an. Unsere packen sie daraufhin und tauchen sie ins Wasser – ein
bisschen Abkühlung kann in einem solchen Fall ja keineswegs schaden.“258
Das Verhalten der beiden sowjetischen Matrosen rechtfertigt Savenok in-
direkt zudem dadurch, dass die angegriffenen amerikanischen Besatzungs-
soldaten versöhnlich reagieren. Er beschreibt, wie sich in der Zwischenzeit
eine große Menschenmenge ansammelte, die nun auf eine Schlägerei „zwi-
schen Russen und Amerikanern“ wartet. „Doch die Amerikaner haben es sich
offensichtlich anders überlegt – besser, man verhält sich jetzt friedlich. Da hat
wohl auch das kalte Wasser seinen Teil dazu beigetragen und ausnüchternd
gewirkt. – ‚Machen wir uns bekannt!‘, so die beiden Amerikaner und drücken
unseren Matrosen freundlich die Hände. ‚Okay! Chorošo!‘“259
256 Ebd., S. 275.
257 Ebd., S. 347.
258 Ebd., S. 70f.
259 Ebd., S. 71.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918