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Resümee
ernsthafter Mängel“ und 1952 Reformen zur „Liquidierung des Parallelis-
mus“ unterzogen. Im Oktober 1945 ging die politische Arbeit unter der öster-
reichischen Bevölkerung von den Politorganen der Roten Armee offiziell auf
die SČSK und innerhalb der SČSK auf die eigens gegründete Propagandaab-
teilung über. Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich bereits, dass das Personal für
die Tätigkeit der SČSK keineswegs ausreichte. Eines der größten Probleme
bestand darin, einen Stab qualifizierter, engagierter und politisch zuverlässi-
ger Fachleute zu etablieren. Zusätzlich zu den regulären Versetzungen wur-
den Mitarbeiter ihrer Posten enthoben, weil sie als politisch oder moralisch
kompromittiert galten. Der Kadermangel machte sich bei der politischen Ar-
beit besonders bemerkbar. Man benötigte Politmitarbeiter mit Deutschkennt-
nissen, um die Vakanzen nachzubesetzen und „einige Mitarbeiter durch
qualifiziertere“ auszutauschen. Ein Teil der Mitarbeiter sei „direkt von der
Schulbank“5 zur Armee eingezogen worden, lautete eine der Beschwerden.
Einen wunden Punkt bei der politischen Arbeit unter der Bevölkerung bil-
dete zudem das sowjetische Wirtschaftsimperium in Österreich, das in zu-
nehmendem Maße schweren Turbulenzen ausgesetzt war. Die wirtschaftli-
chen Möglichkeiten konnten daher, anders als gefordert, sicherlich nicht „zur
Festigung des sowjetischen Einflusses in Österreich“ genutzt werden. In wirt-
schaftlicher Hinsicht verfolgten die Sowjets in Österreich das Ziel, eine Wie-
dergutmachung für ihre gewaltigen, während des Krieges erlittenen Verluste
an Industriepotenzial und Material sowie „Kompensationen“ zu erhalten.
So wurde während der Besatzungszeit der materielle Reichtum der Ostzone
außer Landes gebracht: durch „privates“ Plündern, durch den Abtransport
industrieller und gewerblicher Anlagen mithilfe eigener Demontagekolon-
nen oder durch die Beschlagnahmung ganzer Betriebe als „Deutsches Eigen-
tum“. Somit entstand ab Sommer 1946 ein exterritorialer Wirtschaftskörper,
der die Sowjetische Mineralölverwaltung (SMV) und die Verwaltung des
Sowjetischen Vermögens in Österreich (USIA) mit der Sowjetischen Donau-
Dampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) umfasste. Dabei standen nationale
Reparationsinteressen und die Wiedererrichtung der sowjetischen Wirtschaft
im Vordergrund, nicht jedoch eine gezielte Destabilisierung des befreiten
Landes.
Auch im Bereich des sowjetischen Wirtschaftsimperiums in Österreich gab
es unklare Kompetenzen, die – zumindest teilweise – beabsichtigt waren. Die
charakteristische Zweideutigkeit im sowjetischen Plansystem und folglich in
den Kompetenzen erleichterte die Kontrolle von oben und gab den Kompe-
5 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 299, S. 1–64, hier: S. 58, Bericht von Dubrovickij über die Arbeit der Propa-
gandaabteilung der SČSK 1946 und im 1. Quartal 1947 [September 1947].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918