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Resümee
ten Armee, die sich selbst als „Befreierin“ und „Friedensbringerin“ definierte,
fügten die Vergewaltigungen jedenfalls nachhaltigen Schaden zu. Nach au-
ßen hin reagierten die sowjetischen Stellen mit dem Versuch, derartige Vor-
fälle zu bagatellisieren oder totzuschweigen. Die überlieferten Reaktionen
von Stalin passen genau in dieses Bild.
Als Resultat freiwilliger sexueller Beziehungen, aber auch als Folge von
Vergewaltigungen kamen Tausende „Besatzungskinder“ auf die Welt. Sie
galten als „Kinder des Feindes“, obwohl die Väter de jure keine Feinde mehr
waren. Oft waren sie – gemeinsam mit ihren Müttern – unterschiedlichen
Formen von Diskriminierung ausgesetzt. Gerade die „Russenkinder“ bilde-
ten eine Generation „vaterloser“ Töchter und Söhne, die ihre Kindheit häufig
bei Tanten, Groß- oder Pflegeeltern verbrachte. Ohne Unterhaltszahlungen
lebten viele dieser „unvollständigen“ Familien in finanziell schwierigsten
Verhältnissen. Die meisten Armeeangehörigen wurden sogar zurück in die
UdSSR versetzt, sobald eine derartige Liaison publik wurde. Jahrzehntelang
war ein Kontakt beinahe unmöglich. Oft umgab die Betroffenen eine Mauer
des Schweigens, die manche bis heute nicht durchbrechen konnten. Fragen
nach der eigenen Identität und die Suche nach den „Wurzeln“ waren meist
die Folge, die vielfach auf die nächsten beiden Generationen übertragen
wurden. Doch auch Väter versuchten, oft erst im hohen Alter, ihre „österrei-
chischen“ Kinder, die die wenigsten jemals auch nur zu Gesicht bekommen
hatten, auszuforschen. Ein Gesamtüberblick über Besatzungskinder in ganz
Österreich, ihre Sozialisations- und Lebensbedingungen sowie ihre weiteren
Biografien steht bisher noch aus.
Trotz der großen Präsenz der Besatzungssoldaten und der zahlreichen
überlieferten österreichischen Berichte über Vorfälle mit „Männern in Uni-
form“ war bisher kaum etwas über den „sowjetischen“ Alltag in Österreich,
ihre Freizeitaktivitäten, Verpflegung oder den Tagesablauf bekannt. In Form
eines Perspektivenwechsels sollte die Mikroebene Lebenswelt aus sowjeti-
scher Sicht rekonstruiert werden. Dabei zeigt sich, dass Ausbildung, Sport
und Gefechtsübungen einen Großteil des Alltags sowjetischer Soldaten ein-
nahmen und vor allem die einfachen Soldaten einem strikten Aufgabenre-
glement unterzogen wurden. Generell unterlag der Tagesablauf der Rotar-
misten einer strengen Reglementierung. Die Pflege von Waffen, Ausrüstung
und Kleidung gehörte ebenso zu diesen wiederkehrenden Pflichten wie die
Absolvierung von Politschulungen oder das Sauberhalten von Unterkünf-
ten. Gerade in der frühen Besatzungszeit war es schwierig, geeignete Unter-
künfte für die großen Kontingente der Roten Armee zu finden. Aufgelassene
Kriegsgefangenenlager und ehemalige Kasernen der Deutschen Wehrmacht
wurden ebenso genutzt wie beschlagnahmte Häuser, Klöster, Schlösser oder
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Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918