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Resümee
Die Besatzungsangehörigen selbst genossen üblicherweise genügend
Freiheiten, um zumindest peripher am österreichischen Leben teilnehmen
zu können. Erkundungen von Wien, dem Wienerwald, der näheren Umge-
bung, aber teilweise auch der westlichen Besatzungszonen gehörten ebenso
dazu wie ein reges Kulturprogramm und sportliche Aktivitäten. In Bereichen
wie der Jagd und Fischerei prallten die Interessen der sowjetischen und ös-
terreichischen Seite wiederholt aufeinander. Fischen mit Dynamit oder Jagen
außerhalb der einheimischen Regeln führte zu einem Kampf um die Ressour-
cen, aber auch zu Unmut darüber, dass sich die Besatzer etwas nahmen, was
ihnen aus österreichischer Sicht nicht zustand.
Eine möglichst sinnvolle Freizeitgestaltung sollte zusätzlich zur Stärkung
der – besonders anfangs nur spärlich vorhandenen – Disziplin beitragen.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die „Häuser der Offiziere“, die ein reges
Kulturprogramm und sportliche Aktivitäten für Offiziere und deren Famili-
enmitglieder anboten. Sie sollten Zentren der kulturell-erzieherischen Arbeit
und als Vermittler der kommunistischen Ideologie dienen. Die größte und
aktivste dieser Einrichtungen war das im November 1945 gegründete „Haus
der Offiziere“ in der Wiener Hofburg. Analog dazu boten die sogenannten
„Leninzimmer“ den Soldaten und Unteroffizieren ein organisiertes Freizeit-
programm. De facto boten sich den Armeeangehörigen jedoch immer wieder
Möglichkeiten, den strengen Vorgaben – wenigstens vorübergehend – zu ent-
kommen.
Ein straff durchorganisierter Dienstplan, die umfangreiche politische Er-
ziehung und eine vernünftige, kultivierte Freizeitgestaltung sollten die Dis-
ziplin der Besatzungssoldaten steigern und das „moralisch psychologische
Trauma“,10 das der Kontrast zwischen dem Lebensniveau in Europa und je-
nem in der sowjetischen Heimat auslösen konnte, vermindern. Daher wurde
zudem besonderer Wert auf die Zelebrierung sowjetischer Riten, Feiertage
und Jubiläen während des Auslandseinsatzes gelegt. Dazu gehörte die Bege-
hung von Festtagen des sozialistischen Jahreskreises wie der Tag der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution ebenso wie Bestattungszeremonien.
Wie bereits erwähnt, verloren rund 26.000 sowjetische Militärangehörige
zu Kriegsende ihr Leben und wurden in Österreich bestattet. Nach dem Ende
der Kampfhandlungen nahm die Todesrate in den sowjetischen Besatzungs-
truppen drastisch ab. Die häufigsten Todesursachen stellten fortan Unfälle
im Straßen- und Schienenverkehr sowie bei militärischen Manövern, Alko-
holvergiftungen oder übermäßiger Alkoholkonsum sowie Krankheiten dar.
Belegt sind außerdem Fälle von Mord, fahrlässiger Tötung und Selbstmord,
10 Simonow, Aus der Sicht meiner Generation, S. 104.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918