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wobei Letzteres als „amoralische Erscheinung“ galt. Die sowjetischen Grab-
anlagen hinterließen mit ihren meist in Kyrillisch vorgenommenen Inschrif-
ten und der äußeren Form der Monumente eine ebenso dauerhafte wie – zu-
mindest auf den zweiten Blick – sichtbare Spur im „steinernen Gedächtnis“
Österreichs.
Öffentlich zelebriert wurden auch die zahllosen Kranzniederlegungen und
Ehrenformationen an den Gräbern österreichischer Komponisten, allen vo-
ran von Johann Strauß, die nicht nur die Hochachtung für die österreichische
Musik und Kultur unterstreichen, sondern auch Vorurteile gegenüber der
„sowjetischen Barbarei“ entkräften sollten. Der Walzerkönig – und mit ihm
ein musikalisches Genre – entwickelte sich zum akustisch-visuellen Symbol
für das aus sowjetischer Sicht erfolgreiche Aufeinandertreffen zweier militä-
rischer und ideologischer Gegner zu Kriegsende.
Auslöser dafür war der Hollywoodfilm „The Great Waltz“, der ab Mitte
1940 als Beutefilm in den sowjetischen Kinos lief und enorme Popularität er-
reichte. Er prägte insbesondere die Generation des „Großen Vaterländischen
Krieges“ und somit jene Rotarmisten, die nur kurze Zeit später nach Öster-
reich kamen. Kranzniederlegungen am Grabmal von Johann Strauß stellten
daher einen der wichtigsten Bestandteile der sowjetischen Ikonografie von
der Befreiung Österreichs dar. Dieser Topos findet sich sowohl in zeitgenös-
sischen Medien als auch in retrospektiven literarischen wie mündlichen Er-
innerungen.
Über Jahrzehnte wurde in der (ehemaligen) Sowjetunion die Erinnerung
an den „Großen Vaterländischen Krieg“ in den verschiedensten Ausdrucks-
formen wachgehalten und immer wieder neu aktiviert, wodurch sie sich zu
einem tief verinnerlichten kulturellen Handlungsrahmen entwickelte. Einen
maßgeblichen Beitrag dazu leisteten Gedenkstätten und Museen, die als
Bestandteil der privaten Lebenswelt zu Anlässen wie Hochzeiten besucht
wurden. Die jährlichen Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges über den Hitler-
faschismus“ am 9. Mai bildeten den bedeutendsten Höhepunkt in der offizi-
ellen sowjetischen Chronotopie des Erinnerns. Gerade in den vergangenen
Jahren entwickelte sich der Sieg über den Faschismus in Ermangelung ande-
rer gesellschaftlicher Bindemittel zum Hauptpfeiler der nationalen Identität.
Emotional und moralisch bedient die postsowjetische Erinnerungskultur den
Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit, welche in die als weniger glorreich
empfundene Gegenwart hineinreicht. Die Erinnerung an negative Aspekte
von Kriegsende und Besatzung hat darin kaum Platz.
Dies entspricht dem Grundtenor in sowjetischen Memoiren über die Be-
satzungszeit in Österreich, aber auch in Oral-History-Interviews. Viele der
sowjetischen Besatzungsangehörigen in Österreich sammelten durchaus
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918