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Resümee
positive Erfahrungen, erlebten – gerade vor dem Hintergrund des zu Ende
gegangenen grausamen Krieges – einen vergleichsweise glücklichen Lebens-
abschnitt, wodurch sie schwärmerische Gefühle auf die Wahrnehmung des
Landes als Ganzes übertrugen. Die Assoziationskette von „Frühling – Sieg –
Jugend – Straußwalzer – Liebe“ ist bis heute positiv konnotiert und mitunter
romantisch verklärt.
Gerade Mitglieder von Veteranenverbänden versuchen, ein durchgehend
positives Bild der Roten Armee zu vermitteln. Sie verweisen auf die großen
Opfer, die für die Befreiung erbracht wurden, auf Heldentaten, auf die größ-
tenteils positive Einstellung der österreichischen Bevölkerung den sowjeti-
schen „Befreiern“ gegenüber und schließlich auf das vorbildliche Verhalten,
das sie selbst an den Tag gelegt hätten. Vergewaltigungen werden weitest-
gehend tabuisiert oder nur am Rande erwähnt, Plünderungen primär im
Kontext der ab Dezember 1944 erlaubten Paketsendungen und der großen
materiellen Not in der Heimat thematisiert. Repräsentative Beutestücke wa-
ren ebenso begehrenswert wie selten gewordene Genussmittel und einfache
Alltagsgegenstände. Die Pakete werden als wichtige, positiv konnotierte Ver-
sorgungsquelle für die Familie in der Sowjetunion geschildert.
In ähnlicher Weise transportieren die in den vergangenen Jahrzehnten
veröffentlichten Erinnerungen und Dokumentarfilme den offiziellen sow-
jetischen Geschichtskanon vom heroischen Einsatz der Roten Armee. Der
traditionellen Freund-Feind-Dichotomie des Kalten Krieges verhaftet, dis-
kreditieren Werke wie „Wiener Treffen“ des ehemaligen Politoffiziers Gri-
gorij Savenok etwa US-amerikanische Armeeangehörige als undisziplinierte
Marodeure und rücksichtslose Gewalttäter. Zu den Feindbildern gehören
außerdem „vatikanische Spione“, Kirchenfürsten, Kapitalisten und Vertreter
der Bourgeoisie, die den kommunistischen „Freunden“ gegenübergestellt
werden.
Vielfach entspricht das gezeichnete Selbstbild dem symptomatischen Titel
der Armeezeitung „Za čest’ Rodiny“ („Für die Ehre der Heimat“), die für die
sowjetischen Militärangehörigen in Österreich und Ungarn herausgegeben
wurde. Die Redaktion und Druckerei dieses Blattes, das während des Krieges
die zentrale Zeitung der 1. Ukrainischen Front gewesen war und nach Kriegs-
ende die wichtigste Zeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte wurde,
befanden sich im Gebäude der Rotationsdruckerei Wien 1, Am Fleischmarkt
3–5. In dieser ab 1945 an den kommunistischen Globus Verlag verpachteten
Druckerei befand sich unter anderem auch die Redaktion und Produktion
der „Österreichischen Zeitung“.
„Za čest’ Rodiny“ verfolgte ein dreifaches Anliegen: Sie sollte die in Öster-
reich und Ungarn stationierten sowjetischen Armeeangehörigen Nachrichten
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918