Seite - 134 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Auch die Beschreibung ihrer Auftrittskontexte veränderte sich. So schrieb sie bei
der Beschreibung ihres ersten (schlussendlich nicht realisierten) Engagements noch
ausführlich über Bezahlung, Vertragsmodalitäten und die Schwierigkeiten einer
neuen Umgebung:
Allerdings nur auf ein Probejahr und mit der Monatsgage von 150 M
– aber doch bin ich
glücklich
[…] Für 100 M kriege ich in Stuttgart eine gute, volle Pension, sagt sie; so habe
ich 50 M für mich
[…] Ein Jahr muß man immer mit wenig zufrieden sein, und dafür, daß
man selten herankommt, ist das auch genug
[…] Moralisch bin ich also völlig gesichert: in
allem habe ich den Intendanten, der mir Stütze und Halt sein wird, und seine Familie.110
Spätere Auftritte wurden im Gegensatz dazu vor allem über ihren künstlerischen
Wert
– „gab mir größte Konzentration, begeisterte Hingabe an mein künstlerisches
Werk“ 111
– und/oder ihre Auswirkung auf Lehmanns Popularität
– „Schöne Erfolge
sind nicht genug, in Amerika wirklich festen Fuß zu fassen; ich meine: wirklich
populär zu werden“ 112 – beschrieben. Die künstlerische Konstruktion der Auftritte
und Auftrittskontexte wurde vor allem mit fortlaufender Dauer der Laufbahn – in
Lehmanns Erzählung: mit fortlaufendem Aufstieg – verwirklicht.
Die Beschreibung des eigenen Lebens als Aneinanderreihung musikalischer Erleb-
nisse stellte ebenfalls eine Erzählpraktik dar, die zur Positionierung als KünstlerIn
beitragen konnte. Lehmanns Erzählung weist in dieser Hinsicht einen Bruch auf:
Wurde in der Darstellung ihrer Kindheit und frühen Jugend, welche etwa ein Sechs-
tel der Gesamterzählung einnimmt, kaum einmal auf Musizieren Bezug genommen,
so beschrieb sie ihr Leben nach der Entdeckung ihres Gesangtalents und der darauf
folgenden Aufnahme an die Hochschule für Musik als von Musizieren dominiert.113
Kaum eine der verbleibenden Seiten, die nicht von einer musikalischen Ausbildung,
der Suche nach dem nächsten Engagement oder einem Auftritt berichtet. Wurden
Familiäres, Freizeittätigkeiten und anderes Nicht- Musikalisches auch nicht völlig
ausgeblendet, so wurde ihnen doch nur ein sehr eingeschränkter Platz zugewiesen.114
110 Ebd., 89.
111 Ebd., 221.
112 Ebd., 183.
113 Lehmanns Erzählform ähnelt im Übrigen jener, die David Gramit als charakteristisch für
die „bourgeois male autobiography“ des 19. Jahrhunderts beschreibt: „the first [part] domi-
nated by family and education – a coming- of- age narrative – and the second by professional
activity” (Gramit, Lives, 167).
114 So wird etwa Lehmanns Eheschließung nur mit ganz wenigen Worten erwähnt, ihre Eltern
und ihr Bruder – die im Kindheits- und Jugendteil großen Platz einnehmen – nur auf ein
paar Seiten.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur