Seite - 136 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Die Entlohnung für ihr Musizieren wurde in Lehmanns Erzählung wiederholt
thematisiert, allerdings – der Logik des zunehmenden Künstlerin- Seins entspre-
chend
– vor allem während der Ausbildung und in der Zeit der ersten Engagements.
Zu späteren Zeitpunkten passte die genaue Beschreibung von Entgelten nicht nur
nicht mehr in die Vorstellung von einer künstlerischen Erzählung; die Notwendig-
keit, sich damit zu befassen, schien auch nicht mehr so dringlich zu sein. Schrieb
Lehmann in dem Absatz über ihr erstes (nicht realisiertes) Engagement noch von
den Beschränkungen einer geringen Gage,117 so konnte sie von der Zeit gegen Ende
ihres Hamburger Engagements bereits berichten: „Das Leben war nun für uns wie
ein Tischlein- deck- dich geworden: meine schönen Honorare waren die schnell
erlernte, leichte Zauberformel […] wir genossen alles wie staunende Kinder unter
dem Weihnachtsbaum.“ 118. Zur finanziellen Organisation ihres Musizierens gehörte
aber nicht nur der Übergang von der Sorge um das Ausreichen ihres Entgeltes zum
Schwelgen in Reichtümern, sondern auch die Bezahlung ihres Lebensunterhaltes
durch einen Gönner während der Zeit ihrer Ausbildung.119 Deren Beschreibung
zeigte nicht nur die exzeptionelle Ausprägung ihres Gesangstalents, sondern diente
auch zur Konstruktion einer durchgehenden Berufskarriere als kontinuierlichem
und ausschließlichem Gelderwerb durch Musizieren.
Das Musizieren von Lotte Lehmann beinhaltete die weiter oben als Kunstbetrieb
bezeichneten Praktiken. Dazu gehörten die Vermittlung von Engagements über
AgentInnen ebenso wie die Erwähnung durch KritikerInnen oder die Beschrei-
bung ästhetischer Konkurrenz. Lehmann selbst reflektierte ihre Zugehörigkeit
zum Kunstbetrieb:
In keinem anderen Berufe nämlich sind Verträge auf so unsicherem Fundament erbaut
wie in dem unseren: welcher Manager, welcher Theaterdirektor kann einen Künstler zwin-
gen? Kunst ist keine Ware. Wir müssen aus voller Seele geben, was wir zu geben haben,
andernfalls wären wir ja keine Künstler…120
Dass auch der Ort des Musizierens zum KünstlerIn- Sein beiträgt, wurde weiter
oben beschrieben. Lehmanns Musizieren fand an Orten statt, deren Bedeutung
ihren künstlerischen Ansprüchen gerecht wurde: Konzertsäle, Opernhäuser und
(Musik-)Theater, die meist schon aufgrund ihres Namens (Hamburger Stadttheater,
Wiener Staatsoper etc.) regionale Repräsentativität für sich beanspruchen konnten.
117 Lehmann, Anfang, 88 f.
118 Lehmann, Anfang, 125.
119 Ebd., 78 f.
120 Ebd., 184.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur