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6. EINEN LEBENSBERUF HABEN
Die zweite Dimension des systematischen Vergleichs
Die zweite Dimension der multiplen Korrespondenzanalyse beschreibt Bezugnahmen
auf die zentrale Referenz des Musizierens als Lebensberuf. Musizieren als Lebens-
beruf zu praktizieren stellte in dieser Dimension die legitimste Art zu musizieren
dar (zur Bedeutung von Legitimität in dieser Untersuchung siehe Kapitel 4.3). Ob
Musizieren ein Lebensberuf war oder nicht, wurde bestimmt nicht nur durch dessen
Beschreibung, sondern auch durch die spezifische Art der Aneinanderreihung von
Musiziertätigkeiten und vor allem durch eine Reihe von Auslassungen bestimmter
Themen und Tätigkeiten in der lebensgeschichtlichen Erzählung. Dass Musizie-
ren in den vorliegenden Erzählungen als Lebensberuf wahrgenommen wurde (von
den LeserInnen als solcher werden sollte), war also zu einem guten Teil auch deren
Gesamtaufbau geschuldet. Der konstruierte Charakter der Erzählungen ist hier
noch offensichtlicher zu sehen als in der ersten Dimension.
Weiter oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass Berufsarbeit im unter-
suchten Zeitraum für die Differenzierungen und Hierarchisierungen von Arbeit
sehr wichtig war, ohne dass der Begriff Beruf eindeutig besetzt gewesen wäre.1
So erwähnen Alexander Mejstrik, Sigrid Wadauer und Thomas Buchner in einer
noch keineswegs erschöpfenden Aufzählung neun verschiedene zeitgenössische
Verwendungen von Beruf.2 Auch der zeitgenössische Sozialwissenschaftler Paul
F. Lazarsfeld konnte keinen gemeinsamen Nenner für die unterschiedlichen Ver-
wendungen finden:
Wir können also nicht damit rechnen, konkrete Auskunft darüber zu bekommen, was
im Einzelnen zur Arbeitsverrichtung noch dazu gehört, damit sie zum Komplex Berufs-
arbeit wird. Aber wir können uns immerhin auf den Consensus omnium berufen, wenn
wir annehmen, daß überhaupt noch etwas hinzukommt, und zwar sehr Wesentliches.3
Um diese Unklarheiten rund um den Beruf zu illustrieren, sollen exemplarisch zwei
unterschiedliche Verwendungen dieses Begriffs beschrieben werden. Die eine war
das Propagieren der gesellschaftlichen Bedeutung einer Arbeitstätigkeit und die
Pflicht des/der Berufstätigen zur Einordnung in das gesellschaftliche Ganze. In
1 Siehe Kapitel 1.1.
2 Wadauer/Mejstrik/Buchner, editorial, 6.
3 Lazarsfeld, Jugend, 45.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur