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diesem Sinne wurde Beruf vor allem von VertreterInnen sozialkonservativer Kreise
sowie AnhängerInnen einer berufsständischen Ordnung gebraucht. Berufsarbeit
wurde etwa definiert als die
freie und willige Hingabe an eine übernommene Aufgabe und die innere Bereitschaft zum
aufgetragenen Dienste […], durch welchen die Berufsarbeit für die Gemeinschaft, aber
auch für den Einzelnen erst vollen Wert bekommt.4
In Kontrast zur Berufsarbeit stand der „bloße Erwerb“: Erwerbsarbeit
entspringt der Eigenliebe, verrechnet verstandesmäßig den Nutzen und Vorteil, sucht
beim Mitmenschen nicht diesen, sondern den Nutzen, den man von ihm hat, kennt keine
persönliche Hingabe in Treue und Liebe.5
Dieser Verwendung von Beruf lag die Unterscheidung von (guter) Vergesellschaftung
und (schlechtem) Individualismus zugrunde. Einen Beruf zu erlernen und auszu-
üben hieß, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, was sowohl dieser als auch
dem/der Arbeitenden zugutekäme. Kennzeichnend für den Beruf wäre demnach u. a.
die (gott- oder schicksalsgegebene) Eignung zu diesem sowie die kontinuierliche
Bindung des Einzelnen an seinen Beruf. Hingegen zielte der in der Volkszählung
von 1934 verwendete Berufsbegriff viel stärker auf die Bezeichnung der durch den
Befragten
/ die Befragte gegenwärtig ausgeübten Erwerbstätigkeit ab: Relevant war
nicht, wer zum/zur MusikerIn geboren war, sondern wer gegenwärtig musizierte.
Von dem/der Berufstätigen unterschieden wurde nicht der/die ErwerbsarbeiterIn,
sondern der/die KonsumentIn:
Es ist daher zunächst die Bevölkerung nach ihrem berufstätigen und nach dem noch
nicht oder nicht mehr berufstätigen Teile auszugliedern, somit klar zu zeigen, welcher
Teil der Bevölkerung in der Wirtschaft oder auf einem anderen geistigen, kulturellen oder
staatspolitischen Betätigungsfeld wirksam ist und welcher Teil nur für den Verbrauch der
erzeugten Güter und dargebotenen Dienstleistungen in Frage kommt.6
In dieser Verwendung war die kontinuierliche Bindung an eine Tätigkeit nicht nur
von untergeordneter Bedeutung, sie konnte für eine ‚korrekte‘ Erfassung des Berufs-
lebens geradezu zum Problem werden, wenn etwa „Berufe angegeben würden, auf
4 Messner, Ordnung, 10.
5 Oesterreichisches Kolpingsblatt (1934), Nr. 10, 114 – 115, hier 114.
6 Bundesamt für Statistik (Hg.), Ergebnisse. Bundesstaat Textheft, 12.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur