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besonders prekär bezeichnet werden kann. Erzählungen über arbeitslose MusikerIn-
nen waren zahlreich.18 Dazu kam, dass bestimmte Arten des Musizierens traditionell
sowohl als Not- Unterhalt als auch als Freizeitbeschäftigung mit Erwerbscharakter
verstanden wurden. Unter diesen Bedingungen wurde es zur Herausforderung, eine
kontinuierliche Berufsbiografie zu gestalten und dem Lebensberuf nicht untreu
zu werden. Abseits der Städte war das Aufrechterhalten des Berufsmusizierens oft
noch schwieriger:
Könnte wirklich ein Berufsmusiker von dem leben, was ihm ein Dorf, ein Markt, ja selbst
eine kleine Stadt an Musikverdienst zu bieten vermag? Oder könnte wirklich so ein klei-
nes Gemeinwesen heute die Mittel aufbringen, eine eigene berufliche Musikkapelle zu
erhalten?19
Dementsprechend war der Versuch, die Musik zum Lebensberuf zu machen, oft
zum Scheitern verurteilt. Allerdings scheint das Ergreifen eines anderen Berufes
ebenfalls schwierig gewesen zu sein:
das Studium für den Musikerberuf beginnt in relativ jungen Jahren, erfüllt den gan-
zen Menschen so sehr, daß an einen Eventual- oder Nebenberuf nicht gedacht wer-
den kann. […] ist ein Umsatteln auf einen anderen Beruf dornenvoll, wenn nicht ganz
unmöglich. Daher die vielen enttäuschten, versumpften, proletarisierten Existenzen im
Musikerberufe, die vielleicht durch rechtzeitige Warnung und Beratung zur Umkehr
[…]
veranlasst worden wären.20
Die wirtschaftlichen Verhältnisse, die ein kontinuierliches Ausüben des Musiker-
berufes erschwerten, wurden bereits in Kapitel 2 beschrieben.
Zwischen der Schwierigkeit des Musikers
/ der Musikerin, den Beruf zu wechseln,
und dem Andrang anderer auf das Musizieren konnte der Lebensberuf allerdings
sowohl als Rechtfertigung zum Verbleib 21 wie auch zur Abwehr der Neuankömm-
linge verwendet werden. Wer nicht nur die Mühen des Einstiegs ins Musizieren in
Kauf genommen hatte, sondern sich sein Recht darauf auch durch kontinuierliches
18 Vgl. z. B. Der Stempler (1932), Nr. 1, 3; Oesterreichische Musiker-
Zeitung (1894), Nr. 22,
97 – 98; Österreichische Musiker- Zeitung (1931), Nr. 3, 18.
19 Der österreichische Land- und Volksmusiker (1936), Nr. 6 – 7, 1 – 3, hier 2.
20 Flesch, Berufskrankheiten, 10.
21 Vgl. z. B. die Erzählung über arbeitslose Musiker (Österreichische Musiker- Zeitung (1931),
Nr. 3, 18)). Die Schilderung ihres Elends setzte stillschweigend voraus, dass ein Wechsel der
Tätigkeit undenkbar wäre. Zugleich wurde das Berufsmusikertum als Unterscheidungsmerkmal
gegenüber eigentlich illegitim musizierenden Fleischhauern, Sattlermeistern etc. hochgehalten.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur