Seite - 149 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Es stellt sich die Frage, für wen und unter welchen Umständen Musizieren im
Untersuchungszeitraum überhaupt als Lebensberuf denk- und praktizierbar war. Für
manche Musizierende schien das Konzept des Lebensberufes entweder ein schwieriges
Unterfangen darzustellen oder aber nur geringe bis gar keine Verbindlichkeit für sich
beanspruchen zu können.26 Mit anderen Worten: Andere Unterhaltstätigkeiten wurden
von ihnen bisweilen durchaus als Lebensberuf ausgeübt, nicht so das (erwerbsmäßige)
Musizieren. Musizieren wurde abseits des Lebensberufes nicht nur als Scheitern an
diesem erzählt, sondern auch als eigenständige und legitime Form Musik auszuüben.
Vorstellungen wie jene von den Nichtberufsmusikerverbänden propagierte – z. B. das
idealistische Musizieren der Land- und VolksmusikerInnen, die ab und zu auch dafür
bezahlt wurden
– konnten dafür als Vorbilder dienen und nichtberufsmäßiges Musizieren
legitimieren. Nicht zuletzt stand die lange Tradition dieser Art des Musizierens dafür
ein. Gleiches galt für unqualifiziertes Musizieren als einer Form des Not-
Unterhalts.
Vor allem, wenn Musizieren den Anspruch erheben konnte, Stadt- oder Landestradi-
tionen zu verkörpern (wie etwa im Falle der Wiener Werkelmänner), konnte es auch
außerhalb der Berufsmäßigkeit Anerkennung finden.27 Durch die Bettelmusiklizenzen
war diese Form des Musizierens auch von staatlicher Seite legitimiert. Die Legitima-
tion nichtberuflichen Musizierens zeigt sich auch in manchen Lebensgeschichten. So
erzählte Josef Mayrhofer eine Episode des Herumziehens und Musizierens:
In Gmunden sangen wir auf den [sic] großen Platz beim See. Es standen eine Menge
Leute um uns als uns ein Polizist fragte wer wir seien. Es sei eine Meldung gekommen
das wir den See entlang gesungen und kassiert hätten.
[…] Der Polizist nam [sic] uns also
als Studenten zur Kenntniß. Da die Rundumstehenden wegen seiner Anwesenheit uns
keinen Obulus gaben griff er selbst in seine Tasche und gab uns Geld in unseren Kessel.28
Derartige Musizierpraktiken standen zwangsläufig im Gegensatz zu und oft auch
im Konflikt mit dem Schema des Lebensberufes, waren aber deshalb noch nicht
26 Dennoch traten Vorstellungen und Praktiken des (Lebens-)Berufes auch dort auf, wo die Orga-
nisation des Musizierens deren Voraussetzungen und Inhalten auf den ersten Blick stark zu
widersprechen schien. So wurde etwa in einer parlamentarischen Interpellation das Tun der
„krüppelhaften Bettelmusikanten“ als „Bettelberuf“ beschrieben (Interpellation des Abge-
ordneten Dr. Licht und Genossen betreffend die Handhabung der behördlichen Aufsicht
über die krüppelhaften Bettelmusikanten und Maßnahmen gegen deren Auswucherung, 1).
27 Vgl. z. B. eine Reihe von durchaus wohlwollend verfassten Zeitungsartikeln über Straßen-
musik in Wien: Illustriertes Wiener Extrablatt (1925), 1. Mai, 6; Neue Freie Presse (1937),
4. Oktober, 3; Neues Wiener Tagblatt (1913), 16. Februar, 10; Neues Wiener Journal (1938),
26. November, 6; Illustriertes Wiener Extrablatt (1922), 7. Oktober, 4.
28 Mayrhofer, Leben, ohne Seitenzahl (erste Seite des Kapitels „Strassensänger“).
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur