Seite - 151 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 151 -
Text der Seite - 151 -
die im Leben des/der Erzählenden sicher eine Rolle gespielt haben, macht in die-
ser Perspektive die Erzählung unglaubwürdig, zumindest aber schwer vergleichbar
mit jenen Erzählungen, die diese Themen zum Gegenstand haben. Wird Erzählen
jedoch als eigene Praktik der Positionierung im sozialen Raum verstanden, dann
ist die durch Auslassungen und bestimmte Schwerpunktsetzungen gekennzeich-
nete Form der Erzählung als spezifische Bezugnahme auf Institutionen wie den
Lebensberuf zu sehen. Über etwas nicht zu schreiben, heißt so gesehen auch, die
Bedeutung dessen, worüber geschrieben wird, zu verstärken. Für den Lebensberuf
kennzeichnend war demzufolge, nur das zu beschreiben, was in einer Berufsbio-
grafie Platz hatte. Musizieren wurde nicht (vorrangig) durch eine entsprechende
Bezeichnung oder eine spezifische Abfolge von Ausbildung und Erwerbstätigkeit
zum Beruf, sondern durch die Anordnung bzw. Erwähnung oder Auslassung von im
engeren Sinne außermusikalischen Ereignissen und Tätigkeiten. Die Möglichkeit,
der Wunsch oder die Erfordernis, eine Berufsbiografie zu schreiben, hing natürlich
mit dem Kontext des Schreibens und dem adressierten (imaginierten) Publikum 37
zusammen. So ist eine der für die zweite Dimension wichtigsten Erzählungen, die
sich positiv auf die Referenz des Lebensberufs bezogen, jene von Rudolf Kemeter.38
Diese wurde als Teil eines Ansuchens an die damalige Urheberrechtsgesellschaft
AKM verfasst. Eine derartige Lebensbeschreibung musste ganz anderen Anfor-
derungen genügen als etwa das Führen eines privaten Tagebuches.39 Diese Unter-
schiede von Kontext und Publikum bedeuten aber nicht, dass ein Vergleich der
Erzählungen sinnlos wäre. Ein systematischer Vergleich kann zeigen, durch welche
Erzählpraktiken eine Institution wie der Lebensberuf produziert und reproduziert
wurde, wobei Erzählkontext und Publikum Teile der Praktiken des Erzählens dar-
stellen. Er zeigt, welche Produktionskontexte von Erzählungen welche Institutio-
nen des Musizierens (re)produzierten, ohne diese darauf zu reduzieren
– denn um
eine Berufsbiografie zu schreiben, musste auch ein Verständnis davon vorhanden
sein, was eine solche ausmachte und welche musikalischen Tätigkeiten in dieser
Platz hatten. Die Forderung einer Urheberrechtsgesellschaft (oder eines Arbeit-
gebers/einer Arbeitgeberin, eines Arbeitsamtes etc.), eine Berufsbiografie zu ver-
fassen, stellte nicht nur einen Teil des Erzählkontextes dar, sondern trug wiederum
zur Durchsetzung des Lebensberufes und der Konstruktion des Berufsmusikers/
der Berufsmusikerin bei.
37 Smith/Watson, Autobiography, 68 f.
38 Kemeter, Lebensbeschreibung.
39 „Die Lebenserzählung wird sich in Form und Inhalt nach der sozialen Qualität des Marktes
unterscheiden, auf dem sie angeboten wird.“ (Bourdieu, Illusion, 79). Vgl. zu Zwängen der
biografischen Inszenierung auch Corsten, Beschriebenes, 200.
Einen Lebensberuf haben 151
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur