Seite - 155 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Tätigkeiten korrespondierten („Beim Bundesheer“, „In der Glühlampenfabrik“, „Beim
Fleischhacker“).48 Die – im Untersuchungszeitraum durchaus geforderte – Identi-
fikation des eigenen Lebens mit den ausgeübten Unterhaltstätigkeiten wurde also
auch in den Erzählungen mit stark negativem Bezug auf Beruf umgesetzt.49 Die
Erzählenden konnten oder wollten aber im Gegensatz zu den VerfasserInnen von
Berufsbiografien nicht ihren musikalischen Erwerb dafür verwenden, sei es – wie
weiter unten beschrieben wird
–, weil er zu wenig zur Sicherung ihres Lebensunter-
haltes beitrug, sei es, weil sich die musikalischen Tätigkeiten nicht als berufsmä-
ßiges Musizieren präsentieren ließen. Welche Arten von Unterhaltstätigkeiten sie
beschrieben, kann durch weitere Modalitäten spezifiziert werden: Es handelte sich
um bezahlte Arbeit (im Gegensatz etwa zur Mithilfe im Haushalt oder zur Sub-
sistenzwirtschaft) und oftmals um Arbeit im Rahmen einer Lehre. Während keine
geistige Arbeit durchgeführt wurde, finden sich sowohl ungelernte Arbeiten als auch
das Absolvieren einer Berufsausbildung – wie etwa im Falle von Franz Gierer, der
als ungelernter Tischler und Holzschuhmacher arbeitete, bevor er eine Maurerlehre
begann.50 In den Erzählungen mit negativem Bezug auf Beruf fanden also sowohl
berufliche Elemente abseits des Musizierens
– das Praktizieren einer Tätigkeit, die
durch eine entsprechende Ausbildung und langfristige Ausübung zum Beruf wurde
–
als auch Gelegenheitsarbeiten einen Platz. Die Kombination dieser unterschied-
lichen Arten, einen Unterhalt zu verdienen, war charakteristisch für diese Erzäh-
lungen. Das zeigt sich auch an der Anzahl unterschiedlicher Unterhaltstätigkeiten,
die von drei bis neun und mehr reichen konnte.51 Weder konnten diese Erzählungen
als reine Berufserzählungen noch als reiner Kontrast zu Berufserzählungen 52 ver-
standen werden. Die in ihnen vorkommenden Unterhaltspraktiken waren Teil des
Konfliktes um die Durchsetzung von Berufsarbeit und die weitgehende Abschaf-
fung oder Delegitimierung von Gelegenheits- und Nebenerwerbsarbeit. Zwischen
48 Diese Strukturierung durch andere Unterhaltstätigkeiten konnte auch dann ‚passieren‘, wenn
die Produktion der Lebensgeschichte stark in einem musikalischen Kontext stand. Ein Bei-
spiel dafür ist die vom Volksmusikforscher Walter Deutsch herausgegebene „Lebensgeschichte
eines Musikanten“ (Deutsch (Hg.), Geiger- Heini, 9), die ungeachtet des Titels großteils nach
nicht- musikalischen Charakterisierungen – Bäcker, Familienvater und Kaufmann, Cafetier
etc. – strukturiert war.
49 Zur Erzeugung der eigenen Lebensgeschichte als Arbeitsbiografie siehe auch Alheit/Dausien,
Arbeiterbiographien, 156 ff.
50 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 17 f.
51 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten 3 – 5 andere Arbeiten, >9 andere Arbeiten sowie
>5 andere Arbeiten dargestellt.
52 Für Kontrastformen zu Erzählungen des eigenen Arbeitens als Berufsbiografie siehe Vana,
Gebrauchsweisen, 389 ff.
Der Lebensberuf als kontinuierliches und ausschließliches Musizieren 155
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur