Seite - 163 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 163 -
Text der Seite - 163 -
(ländlichen) Musikverein zum eigenen Vergnügen zu musizieren stellte geradezu
das Gegenstück zum Berufsmusizieren da: Es war keine Erwerbsarbeit, erforderte
meist keinerlei Vorbildung und gehorchte nicht der Logik der Laufbahn/Karriere
(der zufolge eine kontinuierliche Verbesserung der eigenen Position geboten war).
Auch die wahrgenommene Qualität des Musizierens – z. B. aufgrund der Orte, an
denen musiziert wurde
– bestimmte darüber, ob es in eine Berufsbiografie Eingang
fand. Galt der ländliche Musikverein bestimmten zeitgenössischen Darstellungen
zufolge per se schon als Ort des „schlechten“ Musizierens, so galt dies noch mehr für
das Gasthaus.73 Auch das Singen von Wienerliedern bürgte für viele für mangelnde
künstlerische Qualität.74 Man sieht hier, dass nicht jede Art des Musizierens auch
geeignet war, einen/eine BerufsmusikerIn zu erzeugen.75 Wo BerufsmusikerInnen ein
Mehr an musikalischen Fähigkeiten zugesprochen wurde,76 waren auch nur Musi-
zierkontexte, die ein Mehr an musikalischen Fähigkeiten voraussetzten oder ver-
bürgten, zu gebrauchen, um sich als BerufsmusikerIn zu positionieren. Diese Musi-
zierkontexte wie Konzertsaal, Oper, aber auch Kino oder Varieté waren allerdings
fast ausschließlich in den Städten zu finden. Auf dem Land eine Berufsbiografie zu
entwickeln, stellte daher eine Herausforderung dar – was auch zu der Perspektive
beigetragen haben dürfte, wonach es am Lande überhaupt keine erwerbsmäßigen
oder berufstätigen KapellmeisterInnen gäbe.77 Neben dem Musizieren in ‚besseren‘
73 „Zur Genossenschaft der Musiker in Wien gehören nämlich nicht nur Musiker […] son-
dern auch Personen, die durchaus nicht im Stande sind, irgend welche Musik zu machen,
außer auf einem Werkel, wie zB Wirthe, oder Leute, die eigentlich Hausmeister, Hifsarbeiter,
Taglöhner u. dgl. sind, ein wenig Trommel, Harmonika oder Guitarre spielen […] und es
viel lustiger finden, ein Gewerbe im Gasthaus statt in einer Werkstätte auszuüben.“ (Öster-
reichische Musiker- Zeitung (1893), Nr. 2, 7); „… die auf einem bedeutend höheren Niveau
steht, als eine gewöhnliche Wirtshauskapelle, die in derartigen Lokalen fast immer ein und
dieselben allgemein üblichen Stücke zur Aufführung bringt.“ (Bundesministerium für Justiz
(Hg.), Sammlung. 7. Jahrgang, 37 f.).
74 „Die Schrammelmusik ist eine bodenständige und volkstümliche Wiener Musikart, die beim
Heurigen, in Weinlokalen usw. zur guten Stimmung der Gäste beizutragen hat
[…] wobei es
weder auf die stimmliche Ausbildung noch die musikalische Genauigkeit
[…] ankommt. Für
diese Tätigkeit ist keine musikalische Vorbildung erforderlich. Der Zweck der Darbietung ist
nicht der künstlerische Vortrag, sondern die Erzeugung einer guten, den Weingenuß fördern-
den Stimmung.“ (Bundesministerium für Justiz (Hg.), Sammlung. 13. Jahrgang, 192) Zum
Musizieren von AmateurInnen in Wiener Heurigen siehe Schaller- Pressler, Hochgejubelt.
75 Vgl. dazu etwa auch das Urteil eines Salzburger Bezirksgerichtes über in einem Caféhaus
angestellte Musiker: „Den Hauptberuf werden die Beklagten hierin niemals finden, da sie
ihre künstlerische Tätigkeit hier nicht voll entfalten können.“ (Bundesministerium für Justiz
(Hg.), Sammlung. 6. Jahrgang, 232).
76 Schinko, Annäherungen, 158.
77 Munninger, Gesicht, 4.
Der Lebensberuf als kontinuierliches und ausschließliches Musizieren 163
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur