Seite - 164 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Kontexten praktizierten BerufsmusikerInnen zusätzliche musikalische Tätigkeiten
wie Dirigieren oder das Erteilen von Unterricht im Rahmen einer Organisation (wie
etwa einer Akademie oder eines Konservatoriums). Während das Musizieren jedem/
jeder offenstand, waren diese Tätigkeiten jenen vorbehalten, die mehr von Musik
verstanden als andere. Ebenso der Abgrenzung dienen konnte die Erwähnung, dass
in der Ausbildung musiktheoretische Kenntnisse vermittelt wurden.
In Anbetracht der zentralen Referenz des Lebensberufs stellt sich die Frage,
wie wichtig Selbstbezeichnungen der Erzählenden als „BerufsmusikerIn“ und der-
gleichen waren. In den Erzählungen der dominanten Seite finden sich sowohl die
Beschreibung des eigenen Musizierens als Beruf wie auch die Selbstbezeichnung als
„FlötistIn“, „PianistIn“, „GeigerIn“ 78 und dergleichen. In Erzählungen mit negativem
Berufsbezug hingegen wurde eine andere Tätigkeit als Beruf bezeichnet. Allerdings
sind diese Modalitäten vergleichsweise weniger wichtig als viele andere Modalitä-
ten.79 Um eine Berufsbiografie vorweisen zu können, musste das eigene Musizieren
nicht unbedingt als Beruf benannt werden. Die Merkmale der Kontinuität und des
Fehlens anderer Tätigkeiten (besonders anderer Unterhaltstätigkeiten) reichten aus,
um zeitgenössischen LeserInnen zu vermitteln, dass Musizieren hier berufsförmig
ausgeübt wurde. Ebenso vermittelte das Einbetten musikalischer Ereignisse in andere
Themen, dass es sich hier nicht um Beruf handelte. Dies zeigt, dass die Form von
Erzählungen in einen systematischen Vergleich ebenso einbezogen werden muss
wie deren Inhalte.80
6.2 Beruf erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten
Bislang wurde beschrieben, wie und in Abgrenzung wogegen Musizieren als Lebens-
beruf konstruiert wurde. Um die konkrete Ausgestaltung dieser allgemeinen Bestand-
teile von Berufsbiografien zu zeigen, sollen im Folgenden zwei ausgewählte Lebensge-
schichten von Musizierenden und deren Bezüge auf die zentrale Referenz Lebensberuf
beschrieben werden.81 Die folgende Hilfsgrafik zeigt die Positionierungen der von mir
verglichenen Erzählungen im Bedeutungszusammenhang der zweiten Dimension.
78 Dieser Aspekt wird durch die Modalität Bezeichnung nach Instrument dargestellt.
79 Die CTR-Werte der genannten Modalitäten befinden sich zwischen einem Viertel und einem
Fünftel jener der wichtigsten Modalitäten der zweiten Dimension.
80 Vgl. Israel, Place.
81 Die Lebensgeschichten der Erzählenden werden nicht streng chronologisch nacherzählt. Die
chronologische Darstellung
– die einer Lebensgeschichte ganz natürlich angemessen zu sein
scheint – wird zugunsten einer Herausarbeitung unterschiedlicher Ensembles von Erzähl-
praktiken, die aufeinander Bezug nehmen, aufgegeben. Manche Teile der Erzählungen werden
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Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur