Seite - 169 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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„Das Leben wurde immer schlechter, oft bekamen wir nur eine Kartoffel in die Schule mit.
In den Schulpausen mußten wir den Kindern reicher Eltern zusehen, wie sie bestrichene
Brote oder auch Wurstbrote aßen. Ich hielt das nicht aus und meist ging ich zum Brun-
nen, Wasserleitung gab es noch nicht, und trank größere Mengen Wasser, damit ich den
Hunger nicht so qualvoll verspürte.“ 98
Diese und andere Beschreibungen machten die Relevanz des Unterhaltverdienens
deutlich. Dementsprechend schien es auch selbstverständlich, dass Gierer, als er
„noch nicht ganz vierzehn Jahre alt, aus der Schule kam“ 99, seinen Lebensunterhalt
selbst verdienen musste. Dabei wurden bereits die weiter oben angesprochenen
Schwierigkeiten offensichtlich, unter materiell schwierigen Bedingungen einen
Beruf zu verwirklichen:
Ich wollte Tischler werden, aber mein Vater erklärte mir, daß das nicht ginge, weil ich als
Tischlerlehrling nichts bezahlt bekäme und er für mich nicht mehr aufkommen könne.
Ich ging deshalb ebenfalls zu den Körner-
Werken [einem Sägewerk, G. S.], um nach
Arbeit zu fragen.100
Nach einigen Monaten bei einem Holzschuhmacher und einiger Zeit in den Körner-
Werken begann Gierer eine Maurerlehre, die er als Grundlage für seinen späteren
Beruf als Baumeister bezeichnete. Im Gegensatz zu manchen zeitgenössischen Vor-
stellungen von der Berufswahl spielte auch hier wieder der Zufall eine große Rolle:
Ich hatte mich als Hilfsarbeiter beworben, da ich auf keinen Fall Maurer werden wollte.
Nachdem ich immer weniger als andere jugendliche Hilfsarbeiter verdiente, fragte ich nach
einem Jahr im Büro an und man sagte mir, daß ich nicht Hilfsarbeiter, sondern Maurer-
lehrling sei. Ich entschloß mich, die Lehrzeit fertigzumachen, mich aber so einzusetzen,
daß ich zumindest ein tüchtiger Polier werden würde.101
Wie aus dieser ersten Beschreibung der Erzählung hervorgeht, machen Gierers Arbeits-
und Unterhaltstätigkeiten einen Großteil des Inhalts seiner Lebensgeschichte aus.
In der Strukturierung der Erzählung wurde eine kontinuierliche Entwicklung dar-
gestellt – von Hilfstätigkeiten und Subsistenzwirtschaft über „fachfremde“ Arbei-
ten hin zur Lehre und schließlich zur fachlichen Ausbildung als Baumeister. Diese
98 Dies., 14.
99 Dies., 17.
100 Dies., 17.
101 Dies., 18. Beruf erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten 169
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur