Seite - 170 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 170 -
Text der Seite - 170 -
Darstellung stand im Gegensatz zu der Beschreibung seiner Musiziertätigkeiten. Weit
davon entfernt, seine Erzählung an diesen zu orientieren, wurden sie umgekehrt in
den Erzählfluss eingebettet und erhielten den Charakter von abgeschlossenen
– und
damit auch nicht weiter wirksamen – Episoden im Leben Gierers. So etwa seine
Beschreibung des Musizierens im Verein, die auf dem Raum von etwa einer Seite
begonnen und auch wieder abgeschlossen wurde. Dieses kam
– im Kontrast zum als
planmäßig dargestellten Musizieren des Lebensberufes
– eher zufällig zustande und
endete auch so:
In der Lederei Apflauer arbeitete ein Wiener, der mehrere Instrumente spielte und immer
nach Leuten suchte, die mit ihm musizierten. So fanden sich in Brunn und Umgebung
mehrere Gitarren- und Mandolinenspieler zusammen, was schließlich zur Gründung
eines Mandolinenvereines führte. […] Damals herrschte großer Arbeitsmangel, da die
Körner-
Werke am Rechen einige Jahre zuvor zugesperrt hatten. Viele wanderten ab und
so löste sich der Verein auf.102
Die Form der Beschreibung steht im Gegensatz zur erzeugten Kontinuität der Berufs-
biografien. Gierer musizierte wiederholt in verschiedenen Kontexten: Er spielte einige
Zeit danach im Fasching mit Mitgliedern einer Theatergruppe von Haus zu Haus.
Später ging er monatelang auf Wanderschaft, wo er wiederholt die Reisekasse durch
Musizieren auffrischte. Doch wurden diese Musiziertätigkeiten nicht miteinander
verknüpft. Sie bleiben getrennt voneinander stehen und fügen sich so nicht zu einer
musikalischen Lebensgeschichte – Gierer wurde Baumeister, aber nicht Musiker.
Gierers Musizieren im Mandolinenverein wurde sowohl als der eigenen Unterhal-
tung dienend beschrieben („Wir […] unterhielten uns immer ganz prächtig“ 103) wie
auch als Form des Unterhaltsverdienstes. Das Musizieren wurde vom Publikum mit
Essen im Gasthaus „bezahlt“. Diese Form des Entgelts abseits von fixen Beträgen und
vertraglich festgehaltenen Konditionen war charakteristisch für das Musizieren Franz
Gierers. Auch spätere Musiziertätigkeiten brachten ihm Verdienst ein, ohne gängigen
Charakteristika abhängiger Lohnarbeit zu entsprechen. So z. B. das Spielen im Fasching:
Im Fasching gingen wir zu dritt, maskiert, mit unseren Instrumenten – einer schlug die
Trommel, einer spielte Gitarre, ich spielte Mandoline
– von Haus zu Haus; wir fuhren bis
Langenlebarn und verdienten schönes Geld damit. Die eßbaren Geschenke brachte ich
immer meiner Zimmerfrau, die sich darüber freute, da sie nur von einer kleinen Rente lebte.104
102 Dies., 19 f.
103 Dies., 20.
104 Dies., 22.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Einen Lebensberuf
haben170
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur