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7.2 Populärer Erfolg mit Musik: Prätention
Die Orientierung, die sich positiv auf die Referenz der Kunst und negativ auf die
Referenz des Berufes bezieht, ist die des populären Erfolges (Abbildung 21 links
unten). Sie beschreibt Lebensgeschichten, die als Aufstieg – von den mühevollen
Anfängen zu erfolgreicheren Positionen
– erzählt wurden und deren Endpunkt der
(in gewissem Sinne außermusikalische) Erfolg war. Musizieren wurde hier vor allem
als Mittel beschrieben, um diesen Aufstieg vollziehen zu können – im Gegensatz
etwa zum ernsthaften Studium, für das die Entwicklung musikalischer Fähigkei-
ten und die Beschäftigung mit der Musik selbst der Zweck des Musizierens waren.
Ebenso verhält es sich mit dem bei dieser Orientierung zweifellos gegebenen Bezug
zur Kunst: In dieser Logik des Erzählens war Kunst ein notwendiger Bezug zum
eigenen Musizieren, der hergestellt wurde, um sich Akteuren zu nähern, die Erfolg
ermöglichten, wie KritikerInnen in Druckwerken oder renommierte Opernhäuser
und Konzertsäle. Kunst garantierte auch den Zugang zu einem bestimmten Publi-
kum. Kunst zu machen war demnach kein Selbstzweck, sondern letztlich eine stra-
tegische Entscheidung. Ein bereits weiter oben verwendetes Zitat beschrieb den
Unterschied, wie er sich Teilen des Publikums zeigte:
Und welche Möglichkeiten tauchen nicht in naher und ferner Zukunft aus diesem Traum-
gebilde [der Reform des Konzertwesens, G. S.]? […] 4. Die heute leider so notwen-
dige Erziehung neuer Kreise zu ernster Kunstausübung an Stelle des Genusses schalen
Virtuosentums.52
Das ernsthafte Studium als legitimste Referenz wurde in diesem Zitat dem „scha-
len“, d. h. oberflächlichen, Musizieren der Stars und VirtuosInnen gegenübergestellt.
Überhaupt kommen die VirtuosInnen des 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts der
Orientierung des populären Erfolgs, wie er für Musizierende der Zwischenkriegszeit
erleb- und erzählbar wurde, sehr nahe. William Weber beschreibt für das begin-
nende 19.
Jahrhundert Virtuosen und ernsthafte Musiker als zwei Pole einer Skala:
With the simultaneous collapse of the patronal tradition and rise of the printing industry,
musical taste suddenly went to extremes of levity and seriousness. At one pole stood the
virtuosi […] At the opposite pole were the musicians and supporters of newly founded
symphony orchestras who attempted to maintain the tradition of learned music- making
and became fanatic devotees of the German Classical school 53
52 Musikalischer Kurier (1920), Nr. 48, 447.
53 Weber, Mass Culture, 16 f.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur