Seite - 192 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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lange nicht erreichten Grad an Berühmtheit und Einkommen erlangten. Dabei
ging ihr Aufstieg auch einher mit dem Übergang von der Orientierung an einem
(hoch)adeligen Publikum hin zur Orientierung an einem Massenpublikum (wenn
auch der Bezug auf adelige Anerkennung durchaus den Wert beim Massenpubli-
kum steigern konnte).57 Die Entwicklungen in der Massenkommunikation durch
Aufkommen und Verbreitung von Radio, Tonfilm und Grammophon vor und in
der Zwischenkriegszeit verstärkten die Bedeutung von Stars in großem Ausmaß.58
Die Orientierung des populären Erfolges war zu Beginn des 20. Jahrhunderts also
vor allem dank spezifischer medialer und ökonomischer Entwicklungen möglich
und praktizierbar. Der Einfluss neuer Technologien auf seine Verbreitung ist als
sehr groß einzuschätzen. Darüber hinaus war Musizieren als populärer Erfolg stark
international orientiert, sei es durch das Auftreten auf ausgedehnten Tourneen, sei
es durch den Absatz von Schallplatten auf möglichst vielen Märkten. Damit war
diese Form des Musizierens stark in den Konflikt zwischen Nationalem und Inter-
nationalem involviert, der zu Beginn des 20.
Jahrhunderts große Bedeutung u. a. für
das Musikleben hatte. Versuche, Musik durch das Bestehen auf Traditionen oder
das Verhindern von Engagements ausländischer Musizierender (etwa durch das
Inlandarbeiterschutzgesetz) zu nationalisieren, standen der bereits rege internatio-
nale Austausch in der Kunstmusik und die finanziellen Interessen von Verlagen und
KomponistInnen gegenüber. Die nationale Abschottung von Arbeitsmärkten war
in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts immer stärker geworden, und
die zuständigen Behörden und Gesetzgeber waren oftmals nicht an einer Sonder-
behandlung von – wie sie meinten – Musik- ArbeiterInnen – interessiert. Damit
kamen jene ausländische Musizierende, die keinen hohen Bekanntheitsgrad hatten,
zunehmend in Schwierigkeiten, regelmäßig in Österreich aufzutreten.
Die Entwicklung des Starwesens und die Orientierung am Massengeschmack
wurden auch von ZeitgenossInnen kommentiert. So schrieb etwa Leo Wilzin in
seiner „Musikstatistik“: „Musik wird als unschädliches Narkotikum an die breiten
Massen verkauft, der Musiker wird entweder zum Proletarier oder zum ‚Virtuosen‘,
zur ‚Attraktion‘, zum ‚Aushängeschild‘“.59 Häufig wurden diese Entwicklungen als
„Amerikanisierung“ bezeichnet
– was nicht ganz abwegig erscheint, vergleicht man
etwa die Beschreibungen Lotte Lehmanns über die Mechanismen des Musiklebens
in den USA der Dreißigerjahre mit jenen in Europa zur gleichen Zeit.60
57 Ebd.
58 Rojek, Introduction, 4.
59 Wilzin, Musikstatistik, 62.
60 „Bezeichnenderweise sagt ja der amerikanische Manager nicht: ‚Ich habe Ihnen dieses Kon-
zert arrangiert‘, sondern er sagt: ‚Ich habe Sie für so und so viel für dieses Konzert verkauft.‘“
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur