Seite - 194 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 194 -
Text der Seite - 194 -
als ernsthaft Studierende wahrgenommen zu werden, im Wege stand: Sie spielten
keine Kunstmusik, grenzten ihren eigenen Stil gegenüber anderen zu wenig ab,
besuchten kein Konservatorium etc. Auf den ersten Blick scheint es widersinnig,
populären Erfolg im Untersuchungszeitraum als weniger legitim zu bezeichnen als
das ernsthafte Studium. Praktizierten nicht populär Erfolgreiche wie Leo Slezak oder
Lotte Lehmann Musizieren auf eine Art und Weise, die von jedem/jeder Musik-
erIn angestrebt wurde und in der Gesellschaft uneingeschränkten Rückhalt genoss?
Darauf gibt es verschiedene Antworten. Zum einen traf auch das Musizieren des
populären Erfolges auf den Widerstand bestimmter Akteure. Wie in Zitaten weiter
unten gezeigt wird, waren nicht zuletzt jene, die „ernsthafte Kunst“ ausübten, vom
„schalen Virtuosentum“ wenig begeistert. Wie Walter Salmen zu den „Solisten und
Virtuosen“ anmerkt (die nicht deckungsgleich mit den populär Erfolgreichen sind,
aber durchaus Parallelen zu diesen aufweisen), war der Widerstand gegen diese im
20. Jahrhundert kein neues Phänomen:
Nicht nur diese selbstzerstörerische Ruhmsucht war es, die kritische Vorbehalte und
generelle Ablehnung laut werden ließ, nachdem viele Generationen dem Virtuosen durch
hohen finanziellen Einsatz und stürmische Ovationen ein stolzes, soziale Schranken über-
schreitendes Leben garantiert hatten, sondern auch das Odium der Effekthascherei, der
Scharlatanerie, des aufdringlich luxuriösen Putzes, der sinnlichen Ausschweifungen und
Arroganz. Seit dem Ende des 17.
Jahrhunderts wird das den Virtuosen eigene, bürgerliche
Normen mißachtende Verhalten in Versen, Prosastücken, vor allem aber in der Karikatur
angeprangert. Die Seßhaften nahmen Anstoß an deren Vagabundieren als ‚musikalische
Zugvögel‘ […]62
Doch verweist die Erwähnung der „bürgerlichen Normen“ auch auf eine Institu-
tion, die ihre volle Bedeutung erst in der Zwischenkriegszeit erlangte: den Beruf.
Mit dem Anspruch, dass jeder/jede einen Beruf (im Sinne einer kontinuierlichen
Beschäftigung durch eine spezifische Tätigkeit) haben solle, verloren jene, deren
Tätigkeiten nicht in die gängigen Schemata von Beruf passten, gegenüber anderen
Musizierenden an Legitimität. Neben den Gelegenheitsmusizierenden waren dies
auch (wie weiter unten dargestellt wird) die populär Erfolgreichen.
Im Folgenden soll die Orientierung des populären Erfolgs anhand der Modali-
täten der primären Fläche beschrieben werden (Abbildung 25). Die Modalitäten
werden unterstrichen dargestellt und tendenziell von den linken unteren Positionen
(den Extrempositionen) ausgehend zu den rechten oberen (den zentralen Positio-
nen) hin beschrieben.
62 Salmen, Beruf, 74.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
finden194
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur