Seite - 195 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 195 -
Text der Seite - 195 -
Wer seine Erzählung als Aufstieg formulierte, musste folgerichtig unten beginnen.
Die Herkunft aus „gewöhnlichen“ (wenn nicht gar ärmlichen) Verhältnissen zeigte sich
an der Beschreibung materieller Sorgen und der Finanzierung des eigenen Lebens-
unterhaltes durch andere.63 Derartige Passagen finden sich vor allem zu Beginn einer
Aufstiegserzählung.64 Musizieren ermöglichte es, den unzulänglichen Verhältnissen
zu entkommen, wie es u. a. Lotte Lehmann auch explizit schilderte: „Das Leben war
nun für uns wie ein Tischlein-
deck- dich geworden: meine schönen Honorare waren
die schnell erlernte, leichte Zauberformel“.65 Als Beweis für den materiellen Auf-
stieg wurde die Bezahlung für Musizieren erwähnt und die Höhe der Bezahlung
bewertet.66 Auch ohne demonstrativen Hinweis auf den eigenen Wohlstand war so
der Gegensatz zu anderen Orientierungen offensichtlich: Von dem Verdienst für das
eigene Musizieren zu erzählen galt für viele andere Orientierungen als wenig sinnvoll,
während es für populär Erfolgreiche als Teil ihres Erfolges selbstverständlich erzähl-
bar war. Aber nicht nur die Möglichkeit des Aufstiegs wurde durch die Schilderung
der anfänglich „schlechten“ Verhältnisse geschaffen, sondern auch die Möglichkeit
der Identifikation eines breiten Publikums mit den (früheren) Lebensumständen des/
der Musizierenden. Aus einfachen Verhältnissen gekommen und trotz des Aufstiegs
immer noch einfach und zugänglich geblieben – diese Konstruk tion wurde schon
im 19. Jahrhundert für die Vermarktung von Jenny Lind verwendet 67 und behielt
ihre Wirksamkeit auch im 20. Jahrhundert bei.68 Musizierende, deren Aufstieg sie
zu populär Erfolgreichen machte, bezeichneten das Erlernen des Musizierens als
Ausbildung. Die Bedeutung dieses Begriffs ergibt sich vor allem im Gegensatz zum
Begriff des Studiums, der von Erzählenden verwendet wurde, die sich positiv auf
das ernsthafte Studium bezogen. Im Gegensatz zum Studium beschreibt die Aus-
bildung ein Erlernen mit zeitlich begrenzter Dauer. Das Studium (nicht im Sinne
eines formellen Abschlusses an Konservatorium oder Akademie) kann potenziell
das ganze Leben dauern, während die Ausbildung ein vorgegebenes Ende hat, das
oftmals durch Prüfungs- oder andere Rituale markiert ist. Für populär Erfolgreiche
63 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten Unterhalt durch Familie sowie Fürsorge dargestellt.
64 Wie schon weiter oben bemerkt, sind chronologische Entwicklungen mittels der ‚ganzheit-
lichen‘ Kategorisierung von lebensgeschichtlichen Erzählungen nur eingeschränkt zu erfassen,
sodass aufgrund der primären Fläche der Eindruck einer Gleichzeitigkeit von populärem Erfolg
und materieller Armut entstehen kann. Hier ist der Rückgriff auf die einzelnen Erzählungen
notwendig, um die zeitliche Abfolge zu rekonstruieren.
65 Lehmann, Anfang, 125.
66 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten Bezahlung viel und Bezahlung wenig dargestellt.
67 Gooley, Top, 75.
68 „Propriety, sobriety, and adhesion to an idealized model of ‘ordinariness’ became the formula
for the featured celebrities by the end of the century.” (Berlanstein, Celebrity Culture, 128).
Populärer Erfolg mit Musik: Prätention 195
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur