Seite - 196 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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stand nicht das lebenslange Vertiefen in musikalische Zusammenhänge, sondern die
Nutzung der Musik zum Zwecke der Popularität und des materiellen Erfolgs im
Vordergrund. Eine oder mehrere Ausbildungen wurden absolviert, um so die Berech-
tigung zu erlangen, an spezifischen (künstlerischen) Orten vor Publikum aufzutreten
bzw. um den eigenen Marktwert zu steigern. Diese Ausbildungen wurden durch-
aus auch breit thematisiert 69. In den kontrastierenden Erzählungen des ernsthaften
Studiums wurde vor allem der eigene, individuelle Zugang zur Musik thematisiert,
welcher auch das Erlernen des Musizierens nachhaltig prägte, wie es etwa Artur
Schnabel ausdrückte: „Was kann ein Lehrer tun? Im besten Fall eine Tür öffnen –
hindurchgehen muß der Schüler selbst.“ 70 Demgemäß wurde dort mehr Platz auf
die Erzählung des eigenen Verhältnisses zur Musik verwendet als auf Methoden
oder Lehrende. Für populär Erfolgreiche hingegen war die ausführliche Erzählung
ihrer Ausbildung von großer Bedeutung, befriedigte sie doch nicht nur das Bedürfnis
der Öffentlichkeit nach privaten Details, sondern diente auch der „Weihe“ zum/zur
KünstlerIn durch den Übergang von Charisma und Können des/der Lehrenden auf
den Erzählenden/die Erzählende selbst. Das Nennen prominenter Lehrender und
deren Bedeutung sowie ausführliche Beschreibungen von Lehrmethoden dienten
so zum Nachweis, um auf der „großen Bühne“ mitspielen zu dürfen.
Kennzeichnend für die Erfolgserzählungen war das Thematisieren eigener Frei-
zeitaktivitäten. Wer bekannt und berühmt war, konnte auch über Dinge berichten,
die nicht das eigene Musizieren betrafen, und hoffen, damit auf das Interesse der
Öffentlichkeit zu stoßen. Während Berufliches auch von weniger prominenten
ErzählerInnen wiedergegeben werden durfte, war Nichtberufliches nur von Bedeu-
tung, wenn es um ‚besondere‘ Personen ging. Man kann aber auch feststellen, dass
das Auskosten der eigenen Freizeit Teil der Ansprüche war, die viele an das Leben
von populär Erfolgreichen (analog zu den oben beschriebenen Stars) stellten. Nicht
von harter Arbeit und langen Proben, sondern von einem Leben des Genusses
und der Freiheit verlangte man zu hören. Dementsprechend beschrieben populär
Erfolgreiche auch große Reisen, Hobbys oder geselliges Beisammensein (mit ande-
ren Berühmtheiten). Die Kehrseite dieser gängigen Charakterisierungen war der
Generalverdacht, die Tätigkeiten der populär Erfolgreichen wären jeder Anstrengung
enthoben.71 Die Bezeichnung des eigenen Musizierens als Arbeit war ein Versuch,
69 Dieser Aspekt wird durch die Modalität mehr als neun Seiten über Ausbildung erzählt dargestellt.
70 Schnabel, Pianist, 167.
71 Diese Wahrnehmung wurde noch befördert durch die Konstruktion des Anscheins von Mühe-
losigkeit und Leichtigkeit des Musizierens, wie es Karl Hagstrom Miller beschreibt: „Per-
formance entailed hiding the labour that went into the triumphant performance.“ (Miller,
Musicians, 431 f).
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur