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sich dieser Charakterisierung zu entziehen, d. h. trotz des Anspruchs auf populären
Erfolg das eigene Musizieren als ‚richtige Arbeit‘ zu beschreiben. In den Erzählun-
gen der populär Erfolgreichen wurde der Begriff „Arbeit“ meist dann verwendet,
wenn es darum ging, den Vorwurf des Nichtstuns zu entkräften.
Sowohl die Beschreibung von Erfolg als auch von Bekanntheit gehörten zur Orien-
tierung des populären Erfolgs dazu. Explizit erwähnt, stellten sie vielleicht am offen-
sichtlichsten den Anspruch der Zugehörigkeit zu den populär Erfolgreichen dar. Wie
weiter oben beschrieben, waren spezifische Bedingungen wie das Aufkommen von
Massenmedien, die Kommerzialisierung von Unterhaltung und Kunst sowie der Auf-
stieg des Agententums die Voraussetzung dafür, dass man mit einer spezifischen Art
des Musizierens populären Erfolg erlangen konnte. In lebensgeschichtlichen Erzäh-
lungen wurden eigener Erfolg und Bekanntheit thematisiert. Wenn es auch nicht
immer zwingend notwendig war, diese Aspekte des eigenen Musizierens zu beto-
nen
– wer wirklich populär war, konnte sie stillschweigend voraussetzen
–, so schien
deren Thematisierung doch zumindest der gegenseitigen Versicherung von AutorIn
und LeserIn zu dienen, dass die vorliegende Erzählung einen wichtigen Menschen
betreffe (und die Lektüre keine Zeitverschwendung sei). Vergleicht man die Orien-
tierung des ernsthaften Studiums mit der des populären Erfolges, so zeigen sich die
unterschiedlichen Bezüge, an denen das eigene Musizieren ausgerichtet wurde: Hier
berühmte KollegInnen, die selbst die Musik ernsthaft studierten, dort im Grunde
jede/r, der/die in irgendeiner Weise mit Musik in Berührung gekommen war oder
kommen konnte. Dieser Unterschied liegt sehr nahe an der von Pierre Bourdieu für
das literarische Feld konzipierten Unterscheidung von externer und interner Hierar-
chisierung.72 Das ernsthafte Studium mit seinen Maßstäben und relevanten Bezugs-
personen stellte eine relativ kleine, das populär erfolgreiche Musizieren eine relativ
große Gemeinschaft dar, die sich im Zeitalter der Massenkultur theoretisch sogar
auf die ganze Gesellschaft ausdehnen konnte. Wie bereits erwähnt, kam dabei der
Erzählfigur des Aufstiegs große Bedeutung zu – kaum eine Erzählung begann mit
einem/einer MusikerIn, der/die bereits auf der Höhe seiner/ihrer Popularität stand.
Besondere Beachtung verdient auch, wie lange populär Erfolgreiche in bestimm-
ten Kontexten auftraten. In ihren Erzählungen wurden vor allem Engagements
beschrieben, die nur aus einem Auftritt bestanden oder nur für kurze Zeit eingegan-
gen wurden.73 Zum Star- Sein gehörte offensichtlich die kurze Bindung an Organi-
sationen und das Eilen von einem Auftritt zum nächsten. Das ohnehin kurzfristig
und schnelllebig angelegte erwerbsmäßige Musizieren wurde im Starwesen auf die
72 Siehe Kapitel 7.1.
73 Diese Aspekte werden durch die Modalitäten mehr als drei einmalige Auftritte und weniger
als einen Monat in Kontext musizieren dargestellt.
Populärer Erfolg mit Musik: Prätention 197
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur