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Spitze getrieben. Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Erzählungen von Musi-
zierenden geschah dies jedoch nicht, weil langfristige Engagements nicht zu haben
gewesen wären, sondern um die ganze Welt in den Genuss der eigenen Fähigkei-
ten kommen zu lassen und so den eigenen Ruhm zu vermehren. Nirgendwo sonst
trafen sich die vielfältigen Gelegenheiten zum Musizieren und der Wunsch, sie alle
auszunutzen, so gut wie im populären Erfolg.
Erfolgreich Musizierende erwähnten und bewerteten in ihren Erzählungen die
Höhe der Bezahlung für ihr Musizieren.74 Diese wurde auch explizit benannt: als
Honorar oder als Gage. Vor allem letztere Bezeichnung zeigt das Selbstverständnis
erfolgreich Musizierender an. Der/die erfolgreich Musizierende beschrieb sich selbst
als Mitwirkende/r in einem Musikmarkt, in sozialen Beziehungen also, in denen
das Musizieren eine Ware mit einem Preis geworden war.75 Die reale Marktförmig-
keit des Musizierens hatte auch für anders orientierte Musizierende Gültigkeit. Im
Unterschied zu diesen präsentierten sich die populär erfolgreich Musizierenden
allerdings auch explizit als Marktakteure. Sie stellten den finanziellen Aspekt des
Musizierens gegenüber seinem künstlerischen Wert, seiner Berufsförmigkeit und
seiner Unterhaltungsfunktion für den/die Musizierende/n selbst in den Vordergrund
und bejahten die Vermarktung ihrer Tätigkeit. Diese positive Bezugnahme auf den
Musikmarkt stellte als Einsatz den Versuch dar, eine neue Form der Legitimation
für das Musizieren – durch wirtschaftlichen Erfolg anstatt durch künstlerischen
Wert – durchzusetzen.
7.2.1 Prätention erzählen: Leo Slezak wird eine Berühmtheit
Die Orientierung als populär Erfolgreiche/r fand über ein Ensemble von Praktiken
statt. Im Folgenden soll exemplarisch dafür die Erzählung des tschechischen Opern-
tenors Leo Slezak beschrieben werden. Diese nimmt unter jenen Lebensgeschichten,
die überdurchschnittlich gut durch die primäre Fläche der Korrespondenzanalyse
74 Diese Aspekte werden durch die Modalitäten Bezahlung erwähnt, Bezahlung viel und Bezah-
lung wenig dargestellt.
75 Vgl. Heister, Konzertwesen, 687: „Unter den fürs Konzertwesen bestimmenden konkreten
historischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft und der Warenwirtschaft wird die in
Warenform erscheinende Dienstleistung Musizieren oder die gegenständliche Ware ‚Musik‘ in
Geld ‚verwandelt‘.“ Aus zeitgenössischer Sicht stellte Leo Wilzin fest: „Aus der Tatsache, daß
die Musik wie jede andere Ware auf den Markt gebracht wird, wo ihr Preis durch das Verhält-
nis von Angebot und Nachfrage bestimmt wird,
[…]“ (Wilzin, Musikstatistik, 51) Er beschrieb
die Entwicklung der „Musikwirtschaft“ als Prozess von der Hausmusik über das Stadium der
direkten Kundenreproduktion bis hin zum Konzert, in dem die Musik zur Ware wird (ebd.).
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur