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erklärt werden,76 die entlang der Orientierung des populären Erfolgs am extremsten
orientierte Position ein (siehe Abbildung 23 zu Beginn dieses Kapitels). Sie reprä-
sentiert daher am besten die Erzählungen dieser Musizierenden. Slezaks Lebensge-
schichte wird aus zwei seiner Erzählungen konstruiert: aus seiner 1948 publizierten
Erzählung „Mein Lebensmärchen“ (207 Seiten) sowie seiner 1925 publizierten
– nur
wenig chronologischen – Erzählung „Meine sämtlichen Werke“ (160 Seiten).
Leo Slezak wurde 1873 in Mährisch- Schönberg (Mähren, Gebiet der Habsburger-
monarchie) geboren. Als Sohn eines Müllers verbrachte er seine Kindheit in schwie-
rigen materiellen Verhältnissen, bevor er Opernsänger wurde und an vielen Bühnen
Europas und Amerikas
– unter anderem auch an der Wiener Hof- bzw. Staatsoper
–
auftrat. Schon die Einleitung zu den „Sämtlichen Werken“ zeigt an, dass hier ein
Mensch schrieb, den man kennen musste: „Man sagte mir: ‚Sie müssen ein Buch
schreiben! […] ein Mensch in Ihrer Stellung muß einmal ein Buch geschrieben
haben.‘“ 77 Auch der einseitige Anhang „Gedrängter Lebenslauf für das Konversations-
Lexikon“ 78 spielte mit der Tatsache, dass wohl jeder/jede LeserIn bereits wusste, wer
Leo Slezak war. Slezaks Erzählungen wurden damit als Lebensgeschichten konno-
tiert, deren Wert weniger in der Bereitstellung der einfachen Lebensdaten lag
– eben
kein „gedrängter Lebenslauf“
–, sondern vielmehr in (anekdotischen) Einblicken in
die Welt der Berühmtheiten. Erfolg und Bekanntheit standen natürlich nicht am
Beginn der Lebensgeschichte Slezaks. Die paradigmatische Figur des Aufstiegs
wurde von ihm schon ganz am Anfang der „Sämtlichen Werke“ initiiert: „Kinder-
jahre. Sie waren traurig. – Not und Elend, soweit ich zurückdenken kann. Mutter
Sorge stand an meiner Wiege, bis zu dem Augenblick, da mich ein gütiges Geschick
meinem geliebten Lehrer Robinson zuführte, der meine Stimme erkannte.“ 79 Auch
die Beschreibung des ersten Verdienens von Unterhalt fügte sich in die finanziell
triste Darstellung von Kindheit und Jugend ein:
Freudlos wie meine Kindheit ließ sich auch das Jünglingsalter an. Von sechs Uhr früh bis
sechs Uhr abend am Schraubstock, in harter, schwerer Arbeit. – Als Löhnung ein paar
Kreuzer, daheim Not und Sorge, denn es fehlte das Nötigste. Meine arme liebe Mutter
immer über die Stickerei gebeugt. Ich mußte, um noch ein weniges hinzuzuverdienen, die
halben Nächte Laubsägearbeiten machen
[…] In all dem düstern Grau in Grau verklärten
meine Theaterpläne unser trauriges Leben.80
76 Die primäre Fläche erklärt 34 Prozent (cos2) der Erzählung.
77 Slezak, Werke, 7.
78 Ebd., 160.
79 Ebd., 8.
80 Ebd., 11. Populärer Erfolg mit Musik: Prätention 199
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur