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Im Theater zu singen und zu spielen war für ihn ein Ausweg aus dieser Situation.81
Trotz der Freude über seine Entdeckung durch den Opernsänger Robinson gestal-
tete sich die Ausbildung schwierig:
Doch hinter all dem Glück stand das schreckliche Gespenst, die Not, die einmal nicht zu
bannen war. Alle Bemühungen, einen Gönner zu finden, der mir über die böse Zeit des
Studiums hinweggeholfen hätte, schlugen fehl.82
Slezak musste sich daher zur Finanzierung seiner Ausbildung verschiedene andere
Unterhaltstätigkeiten
– als Soldat, Advokatengehilfe oder Handelsvertreter
– suchen.
Erst eine Anstellung am Brünner Stadttheater erlaubte ihm, sich ganz auf das Singen
zu konzentrieren.83 Damit war der Aufstieg zur finanziell einträglichen Beschäfti-
gung vollzogen:
Fürs erste Jahr bekam ich einen Vorschuß von vierzig Gulden monatlich, der mir im nächs-
ten Jahre von meinen hundert Gulden Gage abgezogen werden sollte. Für jedes Auftreten
ein Spielhonorar von zehn Gulden. Im dritten Jahre dreihundert Gulden Gage! – - Mir
schwindelte! – - So viel Geld gibt es ja gar nicht!84
Von da an verdiente Leo Slezak sein Geld nur mehr durch Singen. Dieser Bruch wurde
auch in der Erzählstruktur nachvollzogen: Erzählte er seine vorherigen Beschäfti-
gungen und Unterhalte in „traditioneller“ Form streng chronologisch, so fanden das
künstlerische Leben und die künstlerischen Beschäftigungen Slezaks eher in Form
von ungeordneten Anekdoten und Milieubeschreibungen Eingang in die Erzählung
(im „Lebensmärchen“ erst nach dem Engagement an die Wiener Hofoper, in den
„Sämtlichen Werken“ bereits nach seinem ersten Engagement in Brünn). Auf den
Aufstieg von der Mangelexistenz zum Wohlstand folgte der zweite Aufstieg vom
unbekannten Sänger zum weltberühmten Tenor. Slezak verwendete die Erzählfigur
des Aufstiegs also doppelt (in chronologischer Abfolge mehr noch im „Lebensmär-
chen“ als in den „Sämtlichen Werken“). Die Jahre in Brünn wurden als „Lehrjahre“
bezeichnet,85 aber auch die darauf folgende Anstellung an der Königlichen Hofoper
in Berlin verlief noch wenig aussichtsreich, da er nur selten zu Auftritten herangezo-
gen wurde. Er verließ die Hofoper, um im Breslauer Stadttheater eine Anstellung zu
81 Vgl. zur „Entdeckung“ Slezaks auch ebd., 169.
82 Ebd., 13.
83 Ebd., 20.
84 Ebd., 20.
85 Ebd., 29.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur