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bzw. Ausschnitt der eigenen Lebensgeschichte darstellte. Das ernsthafte Studium
verlangte danach, das eigene Leben in Musik aufgehen zu lassen, während das „der
Musik treu bleiben“ bedeutete, im Wissen um die Konstruiertheit des Resultats nur
den musikalischen Anteil des Lebens zu präsentieren. Diese Unterscheidung folgte
der Logik von Dominanz und Prätention/Skepsis: Nur die dominante Orientierung
des Musizierens konnte das „ganze Leben“ als musikalisches erzählen.
Die negative Bezugnahme auf die Referenz der Kunst brachte grundlegende
Änderungen hinsichtlich der Art und Weise mit sich, wie das eigene Musizieren
erzählt wurde. Den Musizierenden, deren Tun nicht als Kunst präsentiert wurde,
blieb nichts anderes, als dessen Kontinuität und Ausschließlichkeit zu betonen. Es
ging ihnen nicht vorrangig darum, sich durch die Betonung ihrer eigenen Fähig-
keiten und ihre Verankerung im Kunstbetrieb von den anderen abzuheben. Den-
noch war die Betonung dessen, dass das eigene Musizieren nicht wie das Musizie-
ren vieler anderer war, ein wichtiger Bestandteil dieser Position. Nicht jeder/jede
konnte oder wollte Musizieren zum Lebensinhalt machen und das eigene Leben
als musikalisches erzählen.
„Dem Musizieren treu bleiben“ wurde im Untersuchungszeitraum oft mit Musi-
zieren als Beruf in Zusammenhang gebracht. Tatsächlich war der Zusammenhang
von Treue und Beruf nicht nur für das Musizieren wirksam, sondern auch für viele
andere Tätigkeiten. Beruf wurde von vielen mit Treue, Beharrlichkeit etc. zu einer
Tätigkeit verbunden. So kann man etwa in einem Werk der berufsständischen Lite-
ratur lesen: „Wer einen echten Beruf hat, liebt ihn, übt ihn freudig, auch wenn der
Lohn, der Dank ihm versagt bleibt.“ 90 Irina Vana charakterisiert zeitgenössische
Berufsvorstellungen folgendermaßen: „Eine ‚Berufsarbeit‘ anzustreben hieß der nor-
mativen und ideologischen Vorstellung nach, eine den ‚körperlichen, geistigen und
charakterlichen Eignungen‘ und Neigungen entsprechende, qualifizierte, dauerhafte,
formal organisierte Arbeit auszuführen.“ 91 Für das Musizieren wurde die Treue zur
Tätigkeit, wie bereits in der Charakterisierung der Dimension des Berufs beschrieben,
u. a. von den Musikergewerkschaften mit Beruf in einen Zusammenhang gestellt,
etwa indem langjähriges Musizieren oftmals implizit zur Voraussetzung für die
Zugehörigkeit zum Musikerberuf gemacht wurde oder indem ein Wechsel vom
Musizieren zu anderen Tätigkeiten nicht thematisiert wurde. Demgemäß kann die
Treue zur Musik als der Versuch verstanden werden, nicht-
künstlerisches Musizieren
als Beruf zu präsentieren bzw. in einen Berufszusammenhang zu stellen.
Während es seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend bessere Chancen gab,
musikalische Kunst als Beruf auszuüben, waren die Aussichten auf kontinuierliches
90 Pieper, Berufsgedanke, 114.
91 Vana, Gebrauchsweisen, 394.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur