Seite - 205 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 205 -
Text der Seite - 205 -
Musizierende außerhalb der Kunstmusik zunehmend schwerer zu erfüllen. Auch
nach der Musikerverordnung deutet nichts darauf hin, dass sich darin im austro-
faschistischen Regime, das ja oftmals eine berufsständische Ideologie vertrat, viel
geändert hätte.
Die Orientierung des Der- Musik- treu- Bleibens lässt sich in einer Hierarchie
der Legitimität als skeptische Orientierung beschreiben. Das bedeutet, dass diese
Position zwar bezüglich der zweitwichtigsten Dimension die legitimsten Prakti-
ken beinhaltete, bezüglich der wichtigeren ersten Dimension jedoch als dominiert
erscheint. Die Legitimität des Musizierens wurde hier nicht über einen positiven
Bezug auf Kunst, sondern über einen positiven Bezug auf Beruf hergestellt. Die
dieser Orientierung zugehörigen Musizierenden ordneten sich demgemäß selbst
dem Beruf zu, ohne ihre negative Bezugnahme auf Kunst als Mangel darzustellen.
Während die Legitimierung von Musik durch ihren Kunstcharakter ein relativ altes
Phänomen darstellte, war ihre Legitimierung durch Beruf zur untersuchten Zeit
noch neu. Die skeptische Orientierung ist daher auch als der Versuch einer Neu-
bestimmung dessen, was Musizieren legitimierte, zu sehen.
Im Folgenden soll die Orientierung der Treue zur Musik anhand der Modalitäten
der primären Fläche beschrieben werden (Abbildung 26, Aufzählung tendenziell von
den rechten oberen– den extremen – Positionen hin zu den linken unteren – den
zentralen Positionen). Die Modalitäten werden im Text unterstrichen dargestellt.
Wer der Musik treu blieb, verfasste nur eine kurze Erzählung.93 Dieser Umstand
folgt daraus, dass für derartige Erzählungen vor allem Bedeutung hatte, ob und
wann musiziert wurde, und weniger, wie, wo, vor wem etc. Derartige Nennungen
von Auftrittstätigkeiten benötigten wenig Raum. Auf detaillierte Beschreibungen
der Umstände und des Ereignisses des Musizierens wurde hingegen verzichtet, denn
für den Nachweis der Kontinuität und Ausschließlichkeit des Musizierens waren
derartige Beschreibungen nicht relevant. Ebenso wenig thematisiert wurde von den
Erzählenden, die der Musik treu blieben, was beim Musizieren gefühlt oder nicht
gefühlt wurde, welche Bedeutung Musizieren in einem bestimmten Kontext für die
Person erlangte etc. Man vergleiche etwa folgende Beschreibungen von Auftritten
(die erste von einer Musizierenden, die sich vor allem positiv auf die Referenz der
Kunst bezog, die zweite von einem Musizierenden, der der Musik treu blieb):
„Ich sah am Abend nicht das Publikum, das gewiß skeptisch war und keinen besonderen
Abend erwartete, sah nicht Dr. Loewenfelds gefürchtetes Gesicht aus der Loge spähen…
Ich war nur Elsa, fühlte nur beglückt das Schweben meiner Stimme […]“ 94
93 Dieser Aspekt wird durch die Modalität Erzählung weniger als fünfzehn Seiten dargestellt.
94 Lehmann, Anfang, 118 f. Der Musik treu bleiben: Skepsis 205
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur