Seite - 206 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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„Anschließend war ich sowohl im öffentlichen Musikleben Wiens als auch im Rund-
funk als Kammermusiker […] tätig“ 95
Es ist klar, dass die Erfolgschance derartiger Einsätze (der unterschiedlichen Beschrei-
bung von Auftritten) nicht unabhängig davon war, wie bekannt die Erzählenden
waren. Eine nur dreiseitige Lebensbeschreibung Lotte Lehmanns hätte wohl ebenso
befremdlich gewirkt wie eine 200-seitige Erzählung von Clemens Mihatsch. Eine
bestimmte Art der Legitimität – als Berühmtheit oder als ‚wirklicher/wirkliche‘
KünstlerIn – war notwendig, um mit ausführlichen Darstellungen Verständnis zu
finden. Die Kürze bzw. Länge der Erzählungen kann aber nicht nur auf Unter-
schiede in der Popularität und Bekanntheit der Musizierenden reduziert werden.
So beschrieben etwa auch jene, die sich positiv auf die Orientierung des Gelegen-
heitsmusizierens bezogen (siehe unten), ihr Musizieren bzw. dessen Umstände
umfangreicher als jene, die der Musik treu blieben – auch wenn sie es in den aller-
meisten Fällen nicht zu Bekanntheit oder Popularität gebracht hatten. Die Treue
zum Musizieren stellte diejenige Orientierung dar, deren Erzählstil einer bloßen
Aufzählung der absolvierten musikalischen Stationen am ähnlichsten kam. Eine
solche Erzählform war allerdings nur möglich, weil Musizieren bzw. der Musik die
Treue halten bereits in einem gewissen Ausmaß normalisiert war, d. h. nicht mehr
erklärt werden musste, was es bedeutete „im öffentlichen Musikleben tätig zu sein“
oder „als Solist in Dienstverwendung zu stehen“. Wo Musizieren ungewöhnlich
war
– sei es, weil besondere Leistungen erbracht wurden, sei es, weil Musizieren an
sich schon einen außergewöhnlichen Zeitvertreib darstellte –, musste mehr erklärt
und dargestellt werden als in diesen Erzählungen.
Den hier beschriebenen Erzählungen wurde kein Titel vorangestellt, und in ihnen
wurde kein Motiv für das Verfassen der Erzählung genannt. Auf den ersten Blick
könnte man diese Präsentation der Erzählung mit der fehlenden Bekanntheit der
Erzählenden begründen, doch fällt auf, dass andere wenig bekannte Erzählende (wie
jene, die sich positiv auf die Orientierung des Gelegenheitsmusizierens bezogen)
durchaus von ihren Motiven sprachen und ihre Erzählungen betitelten. Vielmehr
spielten die Produktionsbedingungen der Erzählungen hier eine wichtige Rolle: Bei
den Erzählungen, die sich positiv auf die Treue zur Musik bezogen, handelte es sich
oftmals um Auftragsarbeiten, die auf Anfrage einer Organisation oder einer Per-
son hin produziert wurden. Musiksammlungen, Musikzeitschriften oder Urheber-
rechtsverwertungsgesellschaften forderten die Erzählenden aus unterschiedlichen
Gründen auf, ihre Lebensgeschichte wiederzugeben, und enthoben sie dadurch der
95 Vorarlberger Landesarchiv, Musiksammlung, Biographische Sammlung, Clemens Mihatsch,
Curriculum Vitae, 1.
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur