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Begabung auf und ich wurde schon damals zu den unterschiedlichsten musikali-
schen Veranstaltungen herangezogen.“ 100 Gegenüber allen anderen Orientierungen
der primären Fläche fällt das Weglassen von Themen und Tätigkeiten, die nicht
für die öffentliche Musikerlaufbahn relevant waren, auf – vor allem für die dort
durchwegs anders erzählten Zeiten der Kindheit und Jugend. Jeder einzelne Satz
in Mihatschs Erzählung enthält einen Bezug zu seiner Musikerlaufbahn, sei es die
musikalische Förderung in der Familie oder der spätere Antritt einer Chorleiter-
stelle. Der Nachweis, sich ein Leben lang mit Musik beschäftigt zu haben, wurde
hier vorbildlich realisiert.
Die musikalischen Stationen in Mihatschs Leben wurden nur mit wenigen Worten
skizziert. Detailreiche Schilderungen oder emotionale Bezüge zu Auftritten finden
sich hier nicht. Die ersten Auftritte erfolgten in der Schule „wurde ich zu den ver-
schiedensten musikalischen Veranstaltungen herangezogen“ 101 und als Jugendlicher
„gründete ich ein eigenes Orchester
[…] und trat mit demselben bei verschiedenen
Veranstaltungen in Wien vor die Öffentlichkeit“.102 Mihatsch trat eine Stelle als
Chorleiter in einer Wiener Stiftskirche an und besuchte die Hochschule für Musik
und darstellende Kunst, anschließend „war ich sowohl im öffentlichen Musikleben
Wiens als auch im Rundfunk als Kammermusiker […] tätig, bis ich 1936 Mitglied
der Wiener Symphoniker wurde und eine Berufung als Lehrkraft an die Hochschule
für Musik erhielt“.103 Die Formulierungen blieben hier betont allgemein: Nicht die
besondere Bedeutung einzelner musikalischer Auftritte für das eigene Leben oder
die musikinteressierte Öffentlichkeit wurden hervorgehoben, sondern die Konti-
nuität des Musizierens.
Clemens Mihatsch praktizierte sein Musizieren als Musiker
– als jemand, der nicht
nur zeitweise und/oder zum eigenen Vergnügen musizierte, sondern der imstande
war, aus seinen musikalischen Stationen eine Lebensgeschichte zu konstruieren.
Darüber, dass Mihatsch nur einen spezifischen Ausschnitt seines Lebens präsentierte,
dürfte durchaus Einverständnis zwischen ihm und seinem Auftraggeber geherrscht
haben. Nicht die Simulation des ‚ganzen Lebens‘
– wie etwa in den Lebensgeschich-
ten populär Erfolgreicher oder ernsthaft Studierender – war das Ziel, sondern die
Wiedergabe einer musikalischen Laufbahn
– ein Ziel, das durchaus nicht von jedem/
jeder Musizierenden glaubhaft erfüllt werden konnte.
100 Vorarlberger Landesarchiv, Musiksammlung, Biographische Sammlung, Clemens Mihatsch,
Curriculum Vitae, 1.
101 Ebd., 1.
102 Ebd.
103 Ebd.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur