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anderen Kategorie zuzurechnen sind, bisher auf sehr geringes Interesse. In unter-
schiedlichen historischen Publikationen zum Musizieren (nicht nur in Österreich)
wurde Gelegenheitsmusizieren, so es überhaupt erwähnt wurde, vor allem als Störung
und Abweichung vom Normalzustand begriffen. So betitelt etwa Heribert Schröder
ein kurzes Kapitel in seinem Werk „Tanz- und Unterhaltungsmusik in Deutsch-
land 1918 – 1933“ mit „Dilettanten und andere Konkurrenten“
– der/die Berufsmusik-
erIn wird so als Normalfall in diesem musikalischen Genre konzipiert, obwohl die
Nicht- BerufsmusikerInnen in der Überzahl waren: „Der Deutsche Musiker-
Verband
schätzte die Gesamtzahl der in Deutschland vorhandenen musikalischen Schwarz-
arbeiter auf das Zwei- bis Dreifache der Zahl der Berufsmusiker.“ 106 Ebenso wer-
den etwa in Josef Eckhardts „Zivil- und Militärmusiker im Wilhelminischen Reich“
die ZivilmusikerInnen als mit den BerufsmusikerInnen ident verstanden, andere
zivile Musizierformen nur in einem kurzen Kapitel zu den „zivilen Konkurrenten“
abgehandelt. Die gegenwärtig wohl noch stärker vorhandene Normalisierung von
Beruf wird so retrospektiv auf damalige Verhältnisse und deren Darstellung über-
tragen. Historisch ausführlicher thematisiert wird Gelegenheitsmusizieren vor allem
in Darstellungen der Oral History und der Musikethnologie.107 Eine systemati-
sche Darstellung von Gelegenheitsmusizieren in Relation zu anderen Formen des
Musizierens steht aber noch aus.108 Fest steht jedenfalls, dass zumindest in manchen
Regionen Österreichs Gelegenheitsmusizieren quantitativ große Bedeutung hatte.
So zeigt etwa eine Stichprobe von Musikerberechtigungsscheinen im ländlich-
alpin geprägten Vorarlberg, dass von 25 Berechtigten nur zwei als Beruf „Musiker“
angegeben hatten.109 Auch die Vertretungen der Land- und VolksmusikerInnen (die
oftmals dem Gelegenheitsmusizieren sehr nahe standen) meinten: „… die Zahl der
Berufsmusiker ganz Österreichs ist gegenüber der Zahl der Nichtberufsmusiker
verschwindend klein.“ 110
Im Folgenden soll die Orientierung des Gelegenheitsmusizierens anhand der
Modalitäten der primären Fläche beschrieben werden (Abbildung 27, Aufzählung
tendenziell von den rechten unteren Positionen – den Extrempositionen – hin zu
den linken oberen – den zentralen Positionen). Die Modalitäten werden im Text
unterstrichen dargestellt.
106 Schröder, Tanz- und Unterhaltungsmusik, 200.
107 Vgl. etwa Ecker, Melodie.
108 Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings die historische Beschreibung von Amateur-
musikerInnen (die in engem Zusammenhang mit Gelegenheitsmusizieren standen) in Pape,
Amateurmusiker.
109 Vorarlberger Landesarchiv, Amt der Landesregierung, II-1935/Zl. 431 – 609.
110 Alpenländische Musiker- Zeitung (1931), Nr. 5, 62 – 63, hier 63.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur