Seite - 216 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Die Erzählung des Musizierens als Episode, d. h. in einer Erzählform, die den
Ausnahmecharakter und die kurze Dauer des Musizierens betonte, stand ganz im
Gegensatz zur Kontinuität anderer Orientierungen des Musizierens. Über Anlässe
zum und Folgen des Musizierens wurde dieses mit dem „restlichen Leben“ ver-
knüpft. So erzählte Josef Mayrhofer auch sein Musizieren gegen Entgelt auf Stra-
ßen und Plätzen als Episode. Ausgangspunkt war die zufällige Bekanntschaft mit
zwei schon erfahrenen Straßensängern auf dem Heimweg von einem Treffen der
sozialistischen Arbeiterjugend, Endpunkt
– nach einigen Tagen Musizieren
– der
Verdienst von ausreichend Geld, um mit der Bahn nach Hause zu fahren.111 Die
Erzählung als Episode situierte das Musizieren außerhalb des alltäglichen Lebens.
Während Ausbildungen und Arbeitsverhältnisse oftmals nicht näher detailliert, son-
dern nur in Form ihrer Dauer angegeben wurden („dann arbeitete ich zwei Jahre
in der Fabrik“) und damit Teil der Alltagsbiografie des/der Erzählenden blieben,
stellte Musizieren ein aus diesem Rahmen fallendes Ereignis dar, das konkreter
bzw. lebendiger beschrieben werden musste, um vermittelbar zu werden. Auch und
gerade die beschränkte Dauer des Musizierens trug zu dieser Außer- Alltäglichkeit
bei. Schon am Episodencharakter des Musizierens wird also deutlich, dass hier keine
musikalische Laufbahn, kein musikalisches Leben erzählt wurde – denn auf der
Grundlage von Episoden allein wäre eine solche Darstellung nicht möglich. Wenn
sich eine episodenhafte Darstellung von Musizieren auch oft in den Erzählungen
jener, die durch Musik populären Erfolg erlangten, findet
– man denke nur an die
zahlreichen Anekdoten über Gastspiele und Tourneen –, so wurde diese Darstel-
lung dort doch mit der Beschreibung von fixen und langfristigen Anstellungen
kombiniert, während hier die Episode die einzige Erzählform des Musizierens blieb.
Die Darstellung anderer Unterhaltstätigkeiten, anderer Arbeiten und anderer Berufe
nahm für das Gelegenheitsmusizieren breiten Raum ein. Die Lebensgeschichten wurden
durch eine oder mehrere Unterhaltstätigkeiten geordnet und strukturiert.112 Eine Struk-
turierung durch musikalische Tätigkeiten fand nicht statt. Die Erzählungen wurden so
als Berufs-, Arbeits- oder allgemein Unterhaltsgeschichten – im Gegensatz zu Musi-
ziergeschichten
– konstruiert. Diese Form der Strukturierung war zeitgenössisch keine
atypische, Unterhalt als strukturierendes Motiv eine gängige Wahl. Wie weiter unten
gezeigt wird, verschärfte die Herkunft des/der Musizierenden aus prekären Verhältnis-
sen die Bedeutung und Notwendigkeit des Unterhaltsverdienens. In jedem Fall wurde
das Verdienen von Unterhalt über eine Reihe unterschiedlicher Aspekte beschrieben.113
111 Mayrhofer, Leben, ohne Seitenzahl (Kapitel „Strassensänger“).
112 Dieser Aspekt wird durch die Modalität Thema Unterhalt dargestellt.
113 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten andere Berufsausbildung Freude, andere Berufs-
ausbildung und andere Arbeit „Beruf“ dargestellt.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur