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im untersuchten Zeitraum oftmals als Ort gesehen, an dem sogenannte Nebener-
werbsmusikerInnen ihr Einkommen verdienten. So hieß es Ende des 19. Jahrhun-
derts in der Österreichischen Musiker- Zeitung:
Zur Genossenschaft der Musiker in Wien gehören nämlich nicht nur Musiker
[…] sondern
auch Personen, die durchaus nicht im Stande sind, irgend welche Musik zu machen, außer
auf einem Werkel, wie zB Wirthe, oder Leute, die eigentlich Hausmeister, Hilfsarbeiter,
Taglöhner u. dgl. sind, ein wenig Trommel, Harmonika oder Guitarre spielen
[…] und es
viel lustiger finden, ein Gewerbe im Gasthaus statt in einer Werkstätte auszuüben; oder
welche, wenn sie schon die Woche über in ihrem eigentlichen Gewerbe thätig waren, es
angenehm fanden, an Sonn- und Feiertagen in Gasthäusern statt Geld auszugeben, mit
ihrer ‚Kunst‘ welches zu verdienen.121
Die von den KonkurrentInnen der GelegenheitsmusikerInnen konstruierte Dar-
stellung, wonach das Spielen im Gasthaus ein lustiges Erlebnis oder ein willkom-
mener Zusatzverdienst war, stand oft im Einklang mit den Darstellungen in den
Erzählungen der GelegenheitsmusikerInnen selbst. Musizierende, die sich etwa als
Der- Musik-
Treue positionierten, mieden Auftritte in Gasthäusern eher, nicht zuletzt
wegen des niedrigen Ansehens und der geringen Entlohnung.122 In Gasthäusern zu
spielen, war also nur für jene akzeptabel und attraktiv, die sonst wenig Gelegenheit
zum Musizieren hatten und geringe Ansprüche (betreffend die Atmosphäre oder
die Entlohnung) an den Ort des Musizierens stellten.
7.4.1 Dominiertheit erzählen: Franz Gierer musiziert nach Belieben
Die Orientierung als Gelegenheitsmusizierender/Gelegenheitsmusizierende fand
über ein Ensemble von Erzählpraktiken statt. Im Folgenden soll exemplarisch dafür
die Lebensgeschichte von Franz Gierer beschrieben werden. Diese nimmt unter
jenen Lebensgeschichten, die überdurchschnittlich gut durch die primäre Fläche der
Korrespondenzanalyse erklärt werden,123 die entlang der Orientierung des Gelegen-
heitsmusizierens am extremsten ausgerichtete Position ein (siehe Abbildung 23 zu
121 Österreichische Musiker- Zeitung (1893), Nr. 2, 7.
122 Vgl. etwa eine arbeitsgerichtliche Entscheidung: „wurde
[…] gefragt ob er spielen wolle
[…]
dass er ihm keinen Vertrag geben könne, wenn aber das Geschäft gehe, sei er bereit, dem
Kläger ein Trinkgeld, ein Nachtmahl und ein Glas Bier zu geben“, aus: Bundesministerium
für Justiz (Hg.), Sammlung. 12. Jahrgang, 177 f.
123 Die primäre Fläche erklärt 31,5 Prozent (cos2) der Erzählung.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur