Seite - 223 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Bild der Seite - 223 -
Text der Seite - 223 -
8. MUSIZIEREN ALS FRAGE VON LEGITIMITÄT
UND NICHT-LEGITIMITÄT
Umkämpfte Zusammenhänge von Musizieren und Arbeit
Der hier konstruierte Raum des Fortkommens durch Musik beschreibt die wich-
tigsten Orientierungen des Musizierens in der österreichischen Zwischenkriegs-
zeit. Die dafür verwendeten lebensgeschichtlichen Erzählungen stellen Praktiken
der sozialen Positionierung in Bezug auf zentrale Referenzen bzw. Institutionen
dar. Dementsprechend werden im derart konstruierten Raum nicht nur die Texte
an sich dargestellt, sondern darüber hinaus historische Arten des Praktizierens
von Musik, des Denkens über Musizieren und der gesellschaftlichen Organisation
von Musizieren. Zum besseren Verständnis dieses Raums sind allerdings mehrere
Anmerkungen notwendig. Zum einen ist die Eigenlogik des lebensgeschichtlichen
Erzählens über eigenes Musizieren zu berücksichtigen. Musizieren wurde darin im
Großen und Ganzen als individuelle Praktik des/der Erzählenden skizziert, struk-
turelle Verhältnisse des Musizierens wie Gesetze oder Interessenvertretungen hin-
gegen nur in den seltensten Fällen erwähnt. Würde man nur lebensgeschichtliche
Erzählungen von Musizierenden lesen, so könnte man glauben, dass in der Zwi-
schenkriegszeit weder jemals eine Musikergewerkschaft agitiert hätte noch über
eine Musikerverordnung versucht worden wäre, Musizieren staatlich zu regeln.
Diese Eigenlogik des Erzählens über Musizieren ist zu beachten, wenn auch die
den unterschiedlichen Auseinandersetzungen
– etwa zwischen Gewerkschaften und
NichtberufsmusikerInnen hier, zwischen den entlang unterschiedlicher Orientie-
rungen Erzählenden dort – zugrunde liegenden Kategorisierungen über die Gren-
zen bestimmter Quellentypen hinaus Geltung hatten. Wenn ein Musizierender wie
Clemens Mihatsch seine Berufsbiografie verfasste, bezog er sich dabei auf ähnliche
Aspekte dessen, was den Beruf des Musizierens ausmachte, wie der Musikerver-
band bei der Konstruktion der Kategorie des Berufsmusikers / der Berufsmusike-
rin. Ebenso sind die maßgeblichen Charakterisierungen des eigenen Musizierens
als Kunst etwa bei Lotte Lehmann oder Paul Grümmer nicht völlig getrennt von
den musikästhetischen Urteilen oder den behördlichen Entscheidungen jener Zeit
zum Kunstcharakter von Musik zu sehen. Einen „blinden Fleck“ im konstruierten
Raum stellen allerdings jene Formen des Musizierens dar, deren Praktizierende
keine Erzählungen über ihr Leben hinterließen. Nicht alle Positionen des Raumes
des Musizierens konnten in der Konstruktion besetzt werden. So wurde erwerbs-
mäßiges Straßen- oder Bettelmusizieren zwar in zeitgenössischen Zeitungsberichten
wie auch in amtlichen Korrespondenzen, Verordnungen und Erlässen zum Thema
zurück zum
Buch Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur