Seite - 224 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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gemacht, doch waren kaum Texte mit Erzählungen entsprechender Musizierender
aufzufinden. Vor allem zeitgenössische Kategorisierungen von Musizieren entlang
der Einteilung in Arbeit und Nicht- Arbeit (siehe Kapitel 2) konnten in diesem
Vergleich daher nur wenig beachtet werden. Eine breiter gestreute Auswahl von
Beobachtungseinheiten (wie etwa die Einbeziehung von Gerichtsakten oder Bettel-
musiklizenzen) hätte dies ermöglichen können. Andere Quellen wie ein zu jener
Zeit maßgebliches Urteil des Obersten Gerichtshofes oder Zeitungsartikel zeigen,
dass die Unterscheidung zwischen Arbeit und Nicht- Arbeit bezüglich Musizieren
vor allem anhand des Kriteriums der Produktion von Gegenwert für den Konsu-
menten / die Konsumentin gemacht wurde. Musizieren, das weder Unterhaltung
noch ein ästhetisches Erlebnis bot und ungefragt angeboten wurde, galt vor allem
als Bettelei und Belästigung.
Die Differenzierung der unterschiedlichen Orientierungen des konstruierten
Raums zeigt überraschende Ähnlichkeiten mit deren traditioneller Zuordnung zu
verschiedenen (Sub-)Disziplinen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Musik.
Das ernsthafte Studium und die sich positiv darauf beziehenden Akteure stellen ein
zentrales Thema der Musikwissenschaft dar. Die verschiedenen Arten, mit denen
ernsthaft Studierende Werke interpretier(t)en, sowie deren persönlicher Weg hin
zur Musik wurden und werden dort wiederholt thematisiert. Populärer Erfolg fin-
det demgegenüber nur hin und wieder Eingang in die Musikwissenschaften. Mit
ihm beschäftigen sich vor allem populärgeschichtliche Werke, die gerade eben die
große Bekanntheit und den Erfolg dieser Musizierenden zur Grundlage für deren
Thematisierung nehmen. Das Der- Musik- treu- Bleiben stieß bisher
– wenn es über-
haupt untersucht wurde
– vor allem in der sozialgeschichtlichen Historiografie auf
Interesse. Es wurde bisher am wenigsten in den Blickpunkt genommen, sei es, weil
die Quellenlage hier besonders dürftig ist, sei es, weil die sich positiv darauf Bezie-
henden als „Normal- Musizierende“ einfach zu wenig interessant erschienen. Das
Gelegenheitsmusizieren schließlich wird, wenn überhaupt, meist von Volkskunde
oder Ethnologie untersucht. Man sieht, dass die unterschiedlichen Referenzen nicht
nur zu ihrer Zeit Bedeutung hatten, sondern dass die damit verbundenen Katego-
risierungen und Hierarchisierungen auch Jahrzehnte später noch – und sei es in
spezifischen Diskursen wie dem wissenschaftlichen – Wirksamkeit haben.
Als legitimste bzw. dominante Orientierung im Raum des Fortkommens durch
Musizieren galt
– wie bereits dargestellt
– das ernsthafte Studium. Wer Musizieren
auf diese Weise praktizierte oder zu praktizieren versuchte, stellte das Streben nach
Vervollkommnung der eigenen Fähigkeiten, deren fortlaufende Entwicklung und
die Ernsthaftigkeit des Umgangs mit Musik in den Vordergrund. Musizieren sollte
–
dem ästhetischen Imperativ zufolge
– kontinuierlich ausgeübt werden, ja das eigene
Leben bestimmen. Setzte das Erlangen größerer musikalischer Fähigkeiten bereits
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Musizieren als Frage von Legitimität und
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur