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oder kunstvollen Musizieren) praktiziert. Wo Musizieren an sich außergewöhn-
lich und bemerkenswert war, blieb sein Praktizieren als dauerhafte Tätigkeit ein
unerfüllter Traum. Gelegenheitsmusizieren ließ sich nicht – und auch das zeigt im
Vergleich mit dem ernsthaften Studium den Mangel an Autonomie – eindeutig
als Erwerb, Freizeit oder Vergnügen kategorisieren. Es war manchmal Mittel zum
Verdienen von Unterhalt, manchmal
– oftmals in ein und derselben Tätigkeit
– ein
Weg, sich zu unterhalten.
In der Hierarchie der Legitimität kamen zwischen der Dominanz des ernsthaften
Studiums und der Dominiertheit des Gelegenheitsmusizierens die Prätention des
populären Erfolges und die Skepsis des Der- Musik- treu- Bleibens zu liegen. Der
populäre Erfolg betonte vor allem Berühmtheit und Anerkennung als Konsequenzen
des Musizierens anstelle des Musizierens selbst: Gut war Musizieren dann, wenn es
bei der breiten Bevölkerung „ankam“. Der instrumentellen Verwendung von Musizie-
ren entsprach die Hervorhebung des Lebens außerhalb der Musik. Populär Erfolg-
reiche inszenierten Familiäres, Privates oder andere Unterhalte als außergewöhnlich
und für die Öffentlichkeit interessant, das Starwesen stellte die Überhöhung dieses
Prinzips dar. Populär erfolgreiches Musizieren betonte weniger das musikalische
Können als vielmehr das Charisma und die Persönlichkeit des/derjenigen, der/die
auf der Bühne stand. Entsprechend wurde auch die musikalische Ausbildung vor
allem als Weihe, als Konsekration des/der Musizierenden durch den/die MeisterIn,
praktiziert. Im maximalen Gegensatz zum populären Erfolg stand die Orientierung,
der Musik treu zu bleiben. War es hier wichtig, eine Berühmtheit zu sein, ging es
dort darum, sich als MusikerIn (und nicht bloß als Musizierender/Musizierende)
zu zeigen. Stand hier das Leben außerhalb der Musik im Zentrum des Interesses,
so wurde es dort als unwichtige Randnotiz weitgehend ausgeklammert. Über die
Kontinuität des Musizierens wurde man zum/zur MusikerIn, ideal ausgedrückt in
der Form des Lebenslaufes, in dem musikalische Ausbildungen und Auftrittskon-
texte chronologisch aufgezählt wurden.
Dass Musizieren als Kunst und Musizieren als Beruf in der österreichischen
Zwischenkriegszeit möglich, erwünscht und normal erschien, stellt ein Ergeb-
nis vorhergehender Konflikte und Entwicklungen dar. Hier sollen die wichtigsten
davon angesprochen werden. Musizieren als Kunst
– zumindest als arrivierte Kunst
–
erlangte seit dem 18. Jahrhundert zentrale Bedeutung für die Abgrenzung von Tei-
len des Bürgertums gegenüber dem Adel wie auch gegenüber anderen Teilen des
Bürgertums. Musizieren als Kunst wurde seit dem 20.
Jahrhundert auch zunehmend
für die Repräsentation des sich herausbildenden österreichischen Nationalstaates
verwendet. Damit erlangte Musizieren über rein ästhetische Überlegungen hinaus
auch soziale und politische Bedeutung. Entwicklungen wie die zunehmende staat-
liche Kunstförderung seit Mitte des 19. Jahrhunderts und die Schaffung eigener
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Musizieren als Frage von Legitimität und
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur