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ausgeblendet wurden – mittels dieses Vergleiches nur bedingt zu verfolgen.3 Der
relativ kurze Zeitraum der Untersuchung von 20 Jahren kam dabei einer vorläufig
synchronen Betrachtung der Beziehungen der Musizierformen entgegen. Ausgehend
von den beschriebenen Referenzen und Orientierungen des Musizierens können
aber infolge auch zeitliche Entwicklungen des Musizierens in der Zwischenkriegs-
zeit besser beschrieben werden.
Im Zeitraum von der Jahrhundertwende bis 1938 (und auch schon davor) wurden
formale Qualifikationen für das Musizieren immer wichtiger. Diese Entwicklung
lässt sich auch für andere Tätigkeiten feststellen. Die Übernahme des Konservato-
riums der Gesellschaft der Wiener Musikfreunde durch den Staat 1909 und dessen
Umformung in eine Akademie waren nicht nur den Zahlungsschwierigkeiten der
Wiener Musikfreunde geschuldet, sondern stellten auch ein Bekenntnis des Staa-
tes zur formalen Qualifizierung künstlerischen Musizierens dar. Ebenso nahm der
Staat durch eine steigende Anzahl von Subventionen an private Musikschulen Ein-
fluss auf die Gestaltung des Unterrichts.4 In den sozialistischen Anträgen auf ein
Musikerschutzgesetz ebenso wie in der Musikerverordnung selbst wurden formale
Qualifikationen wie der Abschluss einer Akademie oder eines Konservatoriums für
die Zulassung zum erwerbsmäßigen Musizieren vorausgesetzt. Konservatorien bzw.
musikalische Hochschulen nahmen nicht nur in Wien zu. Auch neue Ausbildungs-
organisationen wie Orchesterschulen und Arbeitermusikschulen entstanden im sel-
ben Zeitraum. Wenn auch der Privatunterricht immer noch eine wichtige Form der
Musikausbildung war, so wurden doch Maßnahmen getroffen, die formale Qualifika-
tionen für die AusbildnerInnen einforderten, wie etwa die Einrichtung der „Öster-
reichischen Musiklehrerschaft“. Diese Entwicklungen stellten eine Durchsetzung der
Logik des Berufs für das Musizieren dar: Formale, spezialisierte Qualifikationen für
eine (und nur für diese) Tätigkeit sowie die chronologische Abfolge von Ausbildung
und Erwerb waren zentrale Praktiken des Berufs in der Zwischenkriegszeit. In den
ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden diese Berufspraktiken nun mehr
und mehr auch für künstlerisches Musizieren vorausgesetzt. Ort der neuen Ausbil-
dung zum Künstlerberuf waren die Konservatorien und Akademien. Auch gegen
Ende der Zwischenkriegszeit war nach den gesetzlichen Bestimmungen noch Platz
für künstlerisches Musizieren ohne formale Qualifikation: Die Musikerverordnung
3 Dies ist kein grundsätzlich unlösbares Problem in der Verwendung der multiplen Korrespon-
denzanalyse. Möglichkeiten zur verstärkten Fokussierung auf zeitliche Entwicklungen wären
etwa die Verwendung von zeitlich abgegrenzten Sequenzen als Beobachtungseinheiten oder
die Berechnung unterschiedlicher Korrespondenzanalysen für verschiedene Zeitpunkte des
Untersuchungszeitraums und deren Vergleich.
4 Van Heerde, Staat, 225.
Musizieren als Frage von Legitimität und Nicht-Legitimität 229
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur