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Reaktion auf diese Versuche dar, Musizieren, das außerhalb dieser Praktiken statt-
fand, zu delegitimieren. Ein wichtiger Einsatz in diesem Konflikt war der Verweis
auf Tradition und Brauchtum des „anderen“ Musizierens:
Bleibt denn das flache Land vor nichts verschont? Zuerst die Schlagerseuche! Die Neger-
musik! Die Entwurzelung! Und jetzt noch einen Tarif!
[…] Da am Lande die Verhältnisse
ganz anders liegen, als sie von reinen Berufsmusikern tarifmäßig angesehen werden, so
kann natürlich eine Darnachhaltung dieser Tarife für das Land nie in Betracht kommen 8
Die gesetzliche Regelung der sozialen Absicherung wurde für viele Musizierfor-
men von den Musizierenden und Gewerkschaften selbst eingefordert, während jene,
die als Gelegenheit musizierten, sie ablehnten. Die Ereignisse im Zeitraum des
Austrofaschismus waren im Hinblick auf diese Entwicklungen ambivalent. Wäh-
rend „traditionelles“ Musizieren in Vereinen auf dem Lande oder in der Kirche als
Volkskultur stärker anerkannt und propagiert und u. a. in der Musikerverordnung
auch gesetzlich privilegiert wurde, blieb Musizieren als abgesicherte Lohnarbeit
weiterhin normalisiert. Die durch ihre Stellung im Berechtigungsscheinsystem
mächtig gewordene Musikergewerkschaft versuchte, das Gelegenheitsmusizieren
auf dem Lande entweder denselben Regelungen zu unterwerfen wie das Musizie-
ren in abhängiger Lohnarbeit oder aber GelegenheitsmusikerInnen durch Berufs-
musikerInnen zu ersetzen. Dabei erhielt sie ebenso Unterstützung durch Akteure
des austrofaschistischen Regimes wie jene, die die Volks- und LandmusikerInnen
vor „Überregulierung“ schützen wollten.
In technologischer Hinsicht stellt die schrittweise Durchsetzung mechanischer
Musik die bedeutendste musikalische Entwicklung der Zwischenkriegszeit dar. Ton-
film, Radio und Grammophon veränderten die Möglichkeiten, für Musizieren ein
Publikum zu finden, nachhaltig. James P. Kraft beschreibt etwa die Verschiebungen
in den materiellen Verhältnissen Musizierender aufgrund der Durchsetzung mecha-
nischer Musik in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts:
… the growing capacity to reproduce and disseminate musical performances benefited
small groups of instrumentalists to the detriment of others
[…] These fortunate few made
an unsuccessful effort to increase the already considerable benefits they enjoyed from the
sound revolution. Meanwhile, growing numbers of instrumentalists found themselves
marginalized and unemployed as a result of the same revolution 9
8 Alpenländische Musiker- Zeitung (1935), März, 1 ff., hier 2.
9 Kraft, Stage, 87.
Musizieren als Frage von Legitimität und Nicht-Legitimität 231
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur