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Gleichzeitig gewann das Musizieren als Gelegenheit und Notunterhalt an Legitimi-
tät: Wo so viele hungerten und ohne Arbeit waren, schien das gelegentliche
– auch
berufsfremde – Musizieren für ein wenig Geld vielen eine Alternative:
An allen Ecken hörst du die Not singen, fiedeln, blasen, trommeln
[…] Leute sind es, die
mitten im Wochentag feiern müssen. Dünn der abgetragene Rock, schlecht die Schuhe,
der Nässe, der Kälte, dem Winde zum Trotz
[…] Der schlechtgenährte Mensch war einst
ihr Schulkollege. Begabt, schon auf einem netten Posten, schien er vorherbestimmt für
eine glänzende Laufbahn. Und jetzt, Bettelmusikant!11
Wo das Berufsmusizieren in weite Ferne gerückt war, war es nicht weiter verwerflich,
nur gelegentlich den nötigsten Unterhalt durch Musizieren zu verdienen.
Geht man auf die zu Beginn dieser Untersuchung dargestellten „großen“ Erzäh-
lungen von Arbeit und Nicht- Arbeit im 19. und 20.
Jahrhundert zurück, so werden
relevante Unterschiede zu den hier beschriebenen Ergebnissen deutlich. Der Raum
des Fortkommens durch Musizieren zeigt weder den Gegensatz Arbeit
– Nichtarbeit
als wichtige Differenzierung von Musizieren, noch eine gänzliche Übereinstimmung
der unterschiedlichen Orientierungen mit den als zentral angenommenen zeitge-
nössischen Kategorisierungen von Arbeit (Erwerbsarbeit, Lohnarbeit, Berufsarbeit
etc.). Musizieren beinhaltete ganz spezifische Differenzierungen, die sich teilweise
durchaus auf Arbeit und Nicht- Arbeit sowie verschiedene Arbeitsformen bezogen,
jedoch nicht auf diese reduzierbar waren. Als Erwerbsarbeit konnte im konstruierten
Raum jede der vier Orientierungen ausgeübt werden, was für das Der- Musik- treu-
Bleiben und das Musizieren als Gelegenheit allerdings nicht zwingend notwendig
war. Beruf als zunehmend wichtige Kategorie zur Differenzierung von Tätigkeiten,
wie ihn etwa Josef Ehmer und Sigrid Wadauer für den Beginn des 20.
Jahrhunderts
beschreiben, hatte hingegen auch für Musizieren große Bedeutung. In jedem Fall
unterstreichen die Ergebnisse dieser Untersuchung die Notwendigkeit, neben lang-
fristigen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen von Arbeit und Nicht-
Arbeit
vor allem auch spezifische Tätigkeiten und Zeiträume in den Blick zu nehmen.
11 Die Unzufriedene (1932), Nr. 2, 1 f., hier 1.
Musizieren als Frage von Legitimität und Nicht-Legitimität 233
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Titel
- Über die Produktion von Tönen
- Untertitel
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Autor
- Georg Schinko
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 310
- Schlagwörter
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Kategorie
- Kunst und Kultur