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11.5 Zusammenfassung
Zahlreiche Studien gehen davon aus, dass sich die globalen
Touristenströme langfristig durch den Klimawandel von war-
men Tourismusdestinationen in kühlere Bereiche Richtung
Norden bzw. in Gebirgsregionen verschieben werden (mitt-
lere Übereinstimmung, mittlere Beweislage). Österreich
würde in dieser Hinsicht zu den großen Gewinnern zählen.
Diese Forschungsergebnisse stehen jedoch in der Kritik, da
sie sich zumeist rein auf die Veränderung der Durchschnitts-
temperatur als einzigen Indikator stützen und stark verein-
facht sind, ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen
Bedürfnisse verschiedener Tourismusarten. So kann etwa
laut Umfragedaten angenommen werden, dass der Mittel-
meerraum auch trotz des prognostizierten Temperaturanstiegs
für Strandurlauber durchaus noch mindestens bis in die zweite
Hälfte des 21. Jahrhunderts hinein attraktiv sein wird. Ebenso
unberücksichtigt bleibt in den verallgemeinernden globalen
Studien die spezifische Situation des alpinen Wintertouris-
mus. Hierbei wird der Klimawandel, wie bereits in Kap. 6
erwähnt, zunächst besonders tieferliegende Destinationen in
Schwierigkeiten bringen, wohingegen höhergelegene Gebiete
kurz- und mittelfristig sogar profitieren könnten. Bisherige
Studien dazu, inwieweit Österreich davon insgesamt im in-
ternationalen Wettbewerb eher negativ oder positiv betroffen
sein wird, liefern unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem
welches Gästeverhalten unterstellt wird (vgl. Prettenthaler
und Kortschak 2015b).
Eine Prognose der zukünftigen touristischen Entwicklung
auf globaler Ebene wird dadurch erschwert, dass neben dem
Klimawandel auch andere Faktoren ins Spiel kommen, die
mitunter noch stärker ins Gewicht fallen. Zu nennen sind da-
bei etwa der demografische Wandel sowie Unsicherheiten im
Hinblick auf die Wirtschaftswachstumsraten in traditionellen
Herkunftsländern und in Wachstumsmärkten (besonders in
Asien), die Entwicklung der Reisekosten im Zusammenhang
mit dem technologischen Fortschritt und mit einer geringeren
Wahrscheinlichkeit die potenziellen Auswirkungen von po-
litischer Instabilität, Pandemien und Naturkatastrophen auf
globaler Ebene. Dazu kommen mögliche Auswirkungen der
internationalen Klimapolitik, die mitunter Einschränkungen
für die internationalen Tourismusströme und besonders für
den Flugverkehr mit sich bringen könnten.
Der Tourismus und besonders der Touristentransport tra-
gen einen bedeutenden Anteil zu den internationalen Treib-
hausgasemissionen bei. In der bislang umfassendsten Studie
dazu wurde auf Basis eines Input-Output-Ansatzes berechnet,
dass der Tourismus im Jahr 2013 4,5 Gt CO2-Äquivalente
verursachte, 5,3 % aller globalen CO2-Äquivalentemissionen,
bei steigender Tendenz (Lenzen et al. 2018). An erster Stelle
steht dabei der Transport mit 49 % der touristischen Treib-
hausgasemissionen, insbesondere der Flugverkehr, wobei dessen höhere Klimawirksamkeit durch kurzlebige Treib-
hauseffekte in dieser Studie nicht berücksichtigt wurde.
Will man den Beitrag Österreichs zu den internationalen
vom Tourismus ausgelösten Emissionen beziffern, gibt es
zwei Ansätze, den „destinationsbasierten Ansatz“, wobei die
Emissionen betrachtet werden, die durch den Binnentouris-
mus und die ausländischen Gäste im Land selbst entstehen,
und den „einwohnerbasierten Ansatz“, wobei die Emissionen
der Urlaubsreisen z. B. der Österreicher, sowohl im Inland als
auch im Ausland, beleuchtet werden. Studien auf nationaler
Ebene gibt es bislang nur für einzelne Länder und diese sind
zum Teil bereits veraltet (vgl. Gössling 2013).
Es ist anzunehmen, dass der Binnentourismus und Reisen
aus nahe gelegenen Herkunftsländern bzw. in nahe Destina-
tionen relativ geringe Emissionen auslösen. Besonders vor-
teilhaft ist die Anreise per Bus oder Bahn, deren Anteile laut
Umfragedaten jedoch generell noch sehr niedrig sind. Be-
sonders hohe Emissionen erzeugt dagegen der Flugverkehr.
Im Hinblick auf die österreichischen Urlauber ist daher eine
kleine Minderheit internationaler Flugreisender für einen
unverhältnismäßig großen Anteil der Emissionen verantwort-
lich. Noch höhere Emissionen aus dem Flugverkehr werden
vermutlich durch ausländische Gäste verursacht, wobei vor
allem der starke Anstieg von Gästen aus Ost- und Südost-
asien in den vergangenen Jahren einen beachtlichen Zuwachs
bei den Emissionen ausgelöst haben dürfte (hohe Überein-
stimmung, schwache Beweislage).
Kernaussagen – Kapitel 11
– Es ist derzeit noch ungewiss, ob der Klimawandel die
Position des österreichischen Tourismus im interna-
tionalen Wettbewerb verbessern oder verschlechtern
wird. Tendenziell zählt Österreich im Sommer zu den
Gewinnern, im Winter zu den Verlierern (mittlere
Übereinstimmung, mittlere Beweislage). Es besteht
Bedarf nach weiterführender Forschung.
– Der Tourismus (besonders der touristische Transport)
trägt mit rund 5 % aller globalen CO2-Äquivalent-
emissionen einen bedeutenden Teil zu den internatio-
nalen Treibhausgasemissionen bei (mittlere Überein-
stimmung, schwache Beweislage).
– Bislang gibt es keine umfassenden Studien zu den
Treibhausgasemissionen des österreichischen Touris-
mus sowie der Reisen der Österreicher ins Ausland.
– Bus und Bahn (mit sehr niedrigen Emissionen)
werden nur von einem kleinen Teil der Gäste in
Österreich genutzt, während der Flugverkehr (extrem
hohe Emissionen) zunimmt (hohe Übereinstimmung,
mittlere Beweislage).
11 Berücksichtigung der globalen Entwicklung 205
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Buch Tourismus und Klimawandel"
Tourismus und Klimawandel
- Titel
- Tourismus und Klimawandel
- Autoren
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Verlag
- Springer Spektrum
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Abmessungen
- 21.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 263