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2013). Ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz und die Be-
reitstellung von klimaverträglichen Angeboten fallen also
besonders bei Bürgerinnen und Bürgern aus jenen Ländern
auf fruchtbaren Boden, in denen die Wirtschaftslage gut ist.
Urlaubern aus wirtschaftlich prosperierenden Ländern kann
also ein tendenziell höheres Umweltbewusstsein attestiert
werden, wenn damit derzeit auch noch nicht unbedingt
ein tatsächlich geringerer Ressourcenbedarf assoziiert ist
(Schwarzinger et al. 2019a). Dies unterstreicht nicht nur die
Relevanz dieser Zielgruppen für die klima- und energiebezo-
gene Maßnahmenentwicklung, sondern macht die Bereitstel-
lung klima- und umweltverträglicher Angebote für ebendiese
Zielgruppen zum Gegenstand kurzfristigerer wirtschaftlicher
Überlegungen.
Allerdings stellt sich nach wie vor die Frage, warum ein
ausgeprägtes Umweltbewusstsein nicht immer in ökologisch
orientiertem Verhalten resultiert (Newton und Meyer 2013;
Aune et al. 2016; Binder und Blankenberg 2017; Arnold et al.
2018). Diese Diskrepanz zwischen Werthaltung und Han-
deln wird üblicherweise als Attitude-Action Gap bezeichnet
(Newton und Meyer 2013). Relativ klein ist diese Diskrepanz
bei Entscheidungen und Verhaltensweisen, die mit einem eher
geringen subjektiven Aufwand einhergehen, wie es beispiels-
weise bei Mülltrennen oder dem Einsatz von LED-Leucht-
mitteln im Haushalt der Fall ist. Groß ist die Diskrepanz zwi-
schen Werthaltung und eigenem Verhalten hingegen vor allem
dann, wenn der subjektiv empfundene Nachteil oder Kom-
fortverlust groß ist. Der Verzicht auf eine lange angestrebte
Fernreise oder der Verzicht auf das Auto zum Preis einer län-
geren Wegzeit sind hierfür gute Beispiele. Dieser Unterschied
zwischen Entscheidungen mit einem unterschiedlich hohen
persönlichen Einsatz wurde in der sogenannten Low-cost-Hy-
pothese ausführlich behandelt (Diekmann und Preisendörfer
2003). Umwelt- und klimabewusstes Handeln stößt also oft
dann an seine Grenzen, wenn es den persönlichen Komfort
oder die Verwirklichung von Wünschen zu gefährden scheint.
Stehen klimabewusste Konsumentinnen und Konsumenten
vor der Wahl zwischen zwei touristischen Angeboten mit
subjektiv vergleichbarem Nutzen sowie gleichen Kosten und
eines der beiden Angebote weist eine wesentlich schlechtere
Klimabilanz auf, so gibt es keine naheliegende Veranlassung,
die emissionsmäßig schädlichere Alternative zu wählen. Die
gegenwärtig schlechte Verfügbarkeit von Informationen über
die Klimabilanz von Produkten und Dienstleistungen führt
allerdings dazu, dass selbst motivierte und handlungsbereite
Personen kaum in der Lage sind, eine informierte Konsum-
entscheidung zu treffen (Schwarzinger et al. 2019b). Daraus
ergeben sich zwei Ansatzpunkte:
1) Über die Treibhausgasbilanz von Produkten und Dienst-
leistungen muss Transparenz hergestellt werden, um eine
faire Grundlage für die Internalisierung externer Kosten
zu schaffen und um klimabewussten Konsumentinnen und Konsumenten eine informierte Entscheidung im Einklang
mit ihren ökologischen Werthaltungen sowie mit ihrem
Lebensstil und Geschmack zu ermöglichen (Bourdieu
1987).
2) Darüber hinaus sind Maßnahmen bzw. touristische An-
gebote zu entwickeln, bei denen auch nichtklimabewusste
Konsumentinnen und Konsumenten die Erwartungen an
ihren Aufenthalt (Komfort, Erlebniskomponente etc.) er-
füllt sehen, während sie (quasi unbemerkt) klimaschonend
konsumieren (vgl. Kap. 5, 13).
12.4 Handlungsoptionen, Kommunikations-
und Forschungsbedarf
Österreich hat das Pariser Klimaabkommen ratifiziert und die
österreichische Politik ist daher gefordert, die nötigen Rah-
menbedingungen – nicht nur für den Tourismus – zu schaffen,
um die ambitionierten Treibhausgasemissionsvorgaben auf
europäischer Ebene zu erreichen. Neben allgemeinen Ziel-
vorgaben braucht es auch die Verpflichtung zur Umsetzung
konkreter Maßnahmen. Der Energie- und Klimaplan und die
Klimawandelanpassungsstrategie auf nationaler Ebene lie-
fern dazu einige erste Ansätze, bleiben aber vielfach in ihrer
Formulierung noch sehr offen. So ist im finalen Klima- und
Energieplan eine weitere Ökologisierung des Anreiz-, Förder-
und Steuersystems nur als „optional“ formuliert. Es gibt hier
angesichts der mangelnden Reduktionszielerreichung insge-
samt noch Nachbesserungsbedarf. Auch im Hinblick auf den
Tourismus fehlen konkretere Maßnahmen und Umsetzungs-
pläne, vor allem im Verkehrs- und Steuerbereich. Auf Ebene
der Bundesländer würden auch eine stärkere Zusammenarbeit
und Vereinheitlichung der Strategien sowie Anpassung an na-
tionale Vorgaben eine Möglichkeit bieten, die derzeit noch
sehr unterschiedlich ausgeprägten Bemühungen im Klima-
schutz und in der Klimawandelanpassung im Tourismus an-
zugleichen. Dabei ist insbesondere der Fernreiseverkehr zu
berücksichtigen, der auch laut Peeters (2017) einer der wich-
tigsten Ansatzpunkte zur Erreichung eines klimaneutralen
Tourismus ist. Jedoch auch der hohe Autoanreiseanteil im
nationalen Tourismus ist zu beachten. Die Anreise per Bahn
und Bus und die autofreie Mobilität vor Ort sind daher mög-
lichst einfach und günstig zu gestalten.6 Andererseits wäre
es im Sinne des Klimaschutzes sinnvoll, wenn sich der hei-
mische Tourismus wieder stärker auf nahe liegende Märkte
fokussieren würde. Ein möglicher Beitrag der Politik wäre es,
Forschung zu energieeffizientem Transport bestmöglich zu
unterstützen und durch Besteuerung emissionsstarke Trans-
6 Eine Ausweitung des von der im Januar 2020 angelobten Bundes-
regierung angekündigten Österreich-Tickets (Nutzung der öffentlichen
Verkehrsmittel für 3 € pro Tag für ganz Österreich bzw. 1 € pro Tag je
Bundesland) auch für die touristische Nutzung (z. B. als Wochenticket)
wäre hier ein Meilenstein.
Globale Entwicklung und nationale
Verpflichtungen218
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Buch Tourismus und Klimawandel"
Tourismus und Klimawandel
- Titel
- Tourismus und Klimawandel
- Autoren
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Verlag
- Springer Spektrum
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Abmessungen
- 21.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 263