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Tragsessel in der spanischen Monarchie des 16 und 17 Jahrhunderts 131
(Valladolid, Granada, Sevilla und Madrid) Kutschen in allen Territorien und mit jeglicher
Anspannung von Pferden oder Maultieren fahren dürfe. Mit einem Gedränge auf den
Straßen sei aufgrund der geringen Zahl an Kutschen nicht zu rechnen. Die Vorteile einer
solchen Regelung seien hingegen beträchtlich, denn
es wird in den Königreichen gewiss viele Einwohner geben, die sich mit einer Kutsche für
die Festtage begnügen, an den übrigen Tagen aber auf den Feldern, in den Weinbergen
und den Olivenhainen mit Maultieren arbeiten würden. Auf diese Weise könnten viele
Leute, die in den besagten Orten mit dem Transport von Tragsesseln beschäftigt sind, für
die Arbeit auf den Feldern freigestellt werden, wo große Not am Mann ist.162
Kurz zusammengefasst sollten Tragsessel durch Kutschen ersetzt und derart zusätzliche
Arbeiter für die Landwirtschaft gewonnen werden. Der Arbeitskräftemangel zählte damals
zu den dringendsten Problemen der Monarchie und wurde sowohl von Arbitristen als
auch von anderen Reformern heftig beklagt.
5.1.2 Die „Institutionalisierung“ der Tragsessel und ihre Folgen (1604 bis ca. 1635)
Ob die oben erörterten Argumente den Rat von Kastilien von der Notwendigkeit über-
zeugten, eine Verordnung zu erlassen, oder ob unabhängig davon damals bereits an einer
solchen gearbeitet wurde, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Entschei-
dend ist jedoch, dass der Ende 1604 gefasste Beschluss dazu führte, die rund um Tragsessel
entstandenen Probleme – zumindest teilweise – zu lösen, und zwar in innovativer Weise,
nämlich mittels ihrer „Institutionalisierung“. Wenn hier nur von einer partiellen Lösung
die Rede ist, dann deshalb, weil die getroffenen Maßnahmen ausschließlich den männli-
chen Bevölkerungsteil berührten: Seit 1604 war es Männern ausdrücklich untersagt, ohne
eine vom Kastilischen Rat erteilte Lizenz Tragsessel zu verwenden.
Der Einführungsprozess für Tragsessel am spanischen Hof hatte mit der Verordnung
von 1604 seinen Abschluss gefunden. Die „Institutionalisierung“ brachte mehrerlei Kon-
sequenzen mit sich: Sie führte im Kontext eines allgemeinen Bereinigungsprozesses am
Königshof dazu, dass der Gebrauch von Tragsesseln fortan nur noch bestimmten sozialen
Gruppen vorbehalten war. Das auf Männer beschränkte, allgemeine Verbot, Tragsessel zu
verwenden, sollte das Reiten stärken und führte zu einer zunehmend weiblichen Kon-
162 „[…] habrá muchos naturales destos reinos que se contenten con coche las fiestas, y los días de trabajo la-
brarán con las mulas tierra, viñas y olivares, y se desocupará mucha gente que en los lugares particulares
se ocupan en llevar sillas, y acudirán a las labores del campo, de que hay tanta necesidad“. Actas de las
Cortes de Castilla 1861–2006 (wie Anm. 76), Bd. 21, S. 380 f., Bd. 22, S. 375 und 445.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918