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Tragsessel in der spanischen Monarchie des 16 und 17 Jahrhunderts 159
schen eine interessante Überlegung an, die auch Tragsessel berührte. Er war der Ansicht,
dass der exzessive Gebrauch von Kutschen von Nachteil sei, und plädierte deshalb dafür,
Kutschen generell aus dem Verkehr zu ziehen. Auch wenn Olivares auf einer drastischen
Einschränkung des Gebrauchs von Kutschen und anderen Vehikeln bestand, war er sich
gewiss bewusst, dass ihre Verwendung schon zu weit verbreitet war, als dass sein Plan auch
in die Tat hätte umgesetzt werden können. So lautete sein recht naiver Vorschlag:
[…] und für die Minister, Alten und Kranken bleiben die Tragsessel, die nicht so kost-
spielig wie die Kutschen sind, weil sie über keine kostbaren Dekorationen verfügen und die
Sesselträger auch als Lakaien, Speisekammerdiener oder an anderen unverzichtbaren Stellen
dienen können.389
Kutschen und Tragsessel waren mittlerweile so fest in der höfischen Gesellschaft verankert
und die Interessen rund um ihren Gebrauch so stark angewachsen, dass ihre völlige Ab-
schaffung unrealistisch schien. Beide Vehikeltypen hatten sich zu untrennbaren Bestand-
teilen des höfischen Lebens und zu fundamentalen Attributen von Höflingen entwickelt.
Nur wenige Monate nach Olivares’ Debattenbeitrag, in dem er einen verstärkten Ein-
satz von Tragsesseln befürwortete, wurde die Beschlagnahmung von Sklaven zu Kriegs-
zwecken veranlasst, was auch auf zahlreiche Sesselträger Auswirkungen hatte, wobei unklar
ist, ob die beiden zeitlich nahe beeinander liegenden Umstände in einem Zusammenhang
stehen, und falls ja, in welchem. Am 20. März 1638 wurde angeordnet, dass alle Sklaven
Madrids registriert werden sollten. Nachdem viele von ihnen daraufhin untergetaucht
oder geflohen waren, zwang man ihre Herren zu einer Meldung. Es hieß, die Sklaven wür-
den dringend für Ruderdienste auf den Galeeren benötigt. Einige Damen, die sich Sklaven
für Sesselträgerdienste hielten, wandten sich infolgedessen an Olivares und baten ihn, ihr
eigenes Personal von der Verordnung auszunehmen. Sie erhielten jedoch zur Antwort, dass
er seine eigenen auslieferte und dass dies auch dringend notwendig war: Tragsesselknechte
gebe es in Madrid schließlich im Überfluss.390
389 „[…] y para los ministros, viejos y enfermos quedan las sillas, las cuales no son tan costosas como los co-
ches, porque no tiene aderezos que hacer considerables, los mozos de sillas sirven de lacayos, despenseros y
todos los otros oficios necesarios“. John H. Elliott/José F. de la Peña, Memoriales y cartas del Conde
Duque de Olivares, 2 Bde. (Madrid 1978), Bd. 2, S. 161 f. López Álvarez 2007 (wie Anm. 1), S.
284–286.
390 „[…] que él daba los suyos, y que la necesidad era grande: hartos mozos de sillas había en Madrid“.
Cartas de algunos Padres de la Compañía de Jesús sobre los sucesos de la Monarquía entre los años
de 1634 y 1648. In: Memorial histórico español (wie Anm. 70), Bd. 15, S. 216.
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918