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Tragsessel in der spanischen Monarchie des 16 und 17 Jahrhunderts 165
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die aus der Zeit zwischen 1640 und 1670
datierenden Reformen, die auf die Verwendung von Vehikeln – und insbesondere Kut-
schen – Einfluss nahmen, nicht ausreichten, um ihren weiteren Aufstieg zu bremsen.405
Sie wurden zunehmend opulenter gestaltet, und auch ihr Anwendungsbereich weitete sich
stetig aus. Erst in den 1670er Jahren wurden hinsichtlich der Ausstattung der Vehikel re-
striktive Verordnungen erarbeitet, ein Phänomen, das mit dem Auftauchen der französi-
schen Carrosses modernes am spanischen Hof in Verbindung steht. Die in jenem Jahrzehnt
in Kraft getretenen gesetzlichen Maßnahmen blieben jedoch weitgehend erfolglos. Damals
wurde auch immer häufiger Kritik an der hohen Zahl von Tragsesseln geübt, die als Beleg
für einen exzessiven sozialen Wettbewerb gewertet wurde. Ein anonymer Arbitrist klagte
während der Regentschaft Maria Annas:
Tragsessel und Sesselträger, die einst allein auf vornehmere Damen beschränkt waren, sind
heutzutage weit verbreitet und wohl auch reicher geschmückt als früher. Sie finden sich in
den Häusern zahlreicher hoher Beamter und Schreiber, werden von Pagen und Reitknech-
ten begleitet und von solchen Damen verwendet, für die es völlig ausreichen würde, zu Fuß
und in Begleitung von nur einem Diener auf der Straße zu erscheinen.406
Die Situation änderte sich jedoch erst, als im Anschluss an den von großen Konfusio-
nen geprägten Zeitabschnitt zwischen 1668 und 1677 der Hochadel in allen Bereichen der
Monarchie eine Vorrangstellung erlangte. Zwar könnte durchaus auch die Verordnung
von 1674 als Beginn einer neuen Reformperiode betrachtet werden, jedoch sorgten vor
el 8 de marzo de 1674 que se había contravenido sobre la reforma de trajes, lacayos y coches, tanto
en esta corte como fuera de ella, y para que se ejecuten sentencias a los trangresores, 1677, BNE,
R 23.879 (18/2).
405 Zu diesem Thema siehe López Álvarez 2007 (wie Anm. 1), im Besonderen S. 283–299.
406 „Las sillas y silleteros de que se contentaban en otro tiempo las señoras de más porte son oy comunes, y
quizás más adornadas en casa de muchos togados, y plumistas con el acompañamiento de paxes y escude-
ros a cavallo para ir sirviendo a las que no parecieran mal por la calle a pie con una criada“. Anonym,
Achaques de la Monarquía, BNE, Mss. 8180, fol. 66. Siehe dazu auch die Meinung eines Alcalde de
Corte aus der Zeit um 1670, in: Antonio Domínguez Ortiz, Aspectos del vivir madrileño durante
el reinado de Carlos II. In: Anales del Instituto de Estudios Madrileños 7 (1971), S. 229–252, hier S.
245. Damals kritisierte auch ein namentlich nicht bekannter Arbitrist, der sich 1677 an Juan José de
Austria wandte, um diesem die Probleme der Monarchie darzulegen, das Verhalten der Alcaldes de
Corte sowie die Tragsessel ihrer Ehefrauen. Rosa Isabel Sánchez Gómez, Delincuencia y seguridad
en el Madrid de Carlos II (Dissertation, Universidad Complutense, Madrid 1994), S. 72 f. Ein
anderer Autor beklagte, dass mit Sekretären oder Buchhaltern verheiratete Gastwirtstöchter sich
nur im Tragsessel zur Messe begeben würden, selbst dann, wenn die Kirche gegenüber ihrem Haus
lag. Julián Juderías, España en tiempo de Carlos II el Hechizado (Madrid 1912), S. 155.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918